Saab Testbericht: 40.000 Kilometer mit dem Saab 9-5 Biopower

Saab 9-5 2.3t Vector Biopower "Anniversary"
Saab 9-5 2.3t Vector Biopower "Anniversary"

Unser Saab 9-5 2.3t Anniversary Biopower Sportkombi war alles andere als eine Bauchentscheidung. Nachdem mein damaliger Saab Händler den Bestelltermin eines neuen Anniversary Models verschlafen hatte und wir uns über den Preis eines Lagerfahrzeugs nicht einigen konnten, scheiterte die Händler – Kundenbeziehung an einigen wenigen Euros. Schlecht für den Händler, der mittlerweile einige neue Saab weniger verkauft hat und auf etlichen Werkstattumsatz verzichten musste.

Ein echter Saab Fan läßt sich dadurch nicht erschüttern. Schon wenig später stand mein aktueller 9-5 auf dem Hof, gekauft aus der Konkursmasse eines renommierten Saab Händlers. Zwar waren einige Kompromisse zu machen, aber der Anniversary Saab ist akzeptabel ausgestattet und – das war wichtig – er ist ein Biopower.

Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, "Anniversary" Felgen
Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, "Anniversary" Felgen

Fahren mit Ethanol war mein Hauptaugenmerk, zumal eine E85 Tankstelle bei mir um die Ecke ist. Die ersten Kilometer vom Saab Händler wurden noch mit fossilen Kraftstoff gefahren, dann kam Ethanol in den Tank. Seitdem wurde zu 95 % Ethanol getankt.

Karosserie

Der Saab 9-5 der ersten Serie kommt noch aus dem vergangenen Jahrtausend. Das merkt man, galt der 9-5 Sportkombi bei seinem Debut als großes Auto, so ist er heute in der Wahrnehmung eher zierlich. Trotzdem, man hat genug Platz, der 9-5 ist übersichtlich und nicht zu breit. Parkhäuser sind kein Problem.

Die Ladekante des Kombi ist niedrig, der Ladeboden eben, das Verzurrsystem bietet viele Möglichkeiten um Gepäck sicher zu transportieren. Ein Knackpunkt am Saab 9-5 der ersten Serie ist die Verarbeitung, die nicht ganz den Erwartungen gerecht wird. An vielen Stellen merkt man den Rotstift der GM Epoche, manche Materialien sind nicht so wie sie sein sollten. Das ist aber schon alles was man dem Saab 9-5 ankreiden kann. Denn neben diesem Minuspunkt hat er viele Pluspunkte.

Innenraum

Die Sitze im Saab 9-5 sind wie immer erste Sahne, man sitzt bequem auch über lange Strecken. Nach einer Fahrt von Bayern nach Schweden steigt man aus, ohne Kreuzschmerzen, so gut ist die Langstreckenqualität. Die Klimatisierung mit der Klimaautomatik ist ohne Beanstandung, die Ledersitze vorne und hinten sind beheizt. Alles ist logisch angeordnet da, wo es sein sollte.

Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, "Anniversary" Bi-Color Leder
Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, "Anniversary" Bi-Color Leder

Fahrwerk/Komfort

Das Serienfahrwerk des Saab 9-5 Vector Sportkombis ist sehr auf Komfort ausgelegt. In Kurven zu weich, nach meinem Geschmack. Aber narrensicher, in jeder Situation. ABS und ESP sind mit an Bord, beide sehr gut abgestimmt. Der Saab hat traditionell Frontantrieb. Der ist im Saab 9-5 harmonisch abestimmt, nur bei voller Leistung und dem starken Beschleunigen aus Kurven zerrt die Kraft am Lenkrad.  Mir war das Fahrwerk zu sanft, zu sehr Familienkombi. Also raus damit, ein Hirsch Fahrwerk rein. Dazu später mehr.

Der Saab 9-5 Sportkombi ist ein leises Auto, auch bei höheren Geschwindigkeiten auf der Autobahn. Aktuelle Konstruktionen, größer und schwerer, sind noch besser gedämmt. Trotzdem wird man den 9-5 als komfortbetont empfinden. Unterwegs auf langen Strecken, wie es sich für einen Saab gehört.

Getriebe

Der Saab 9-5 ist mit einem 5-Gang Getriebe aus eigener Produktion ausgestattet. Ein Getriebe, welches es bei Saab nicht mehr gibt, die Rechte wurden nach China verkauft. Das Getriebe ist gut zu schalten, man wünscht sich zwar einen sechsten Gang, lebt aber auch mit 5 Gängen gut.

Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, Ladefläche
Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, Ladefläche

Motor

Der 2.3 Liter 4-Zylinder ist mit der Saab eigenen Trionic ausgestattet und kommt wie das Getriebe aus eigener Fertigung. Auch hier gilt, die Motoren wurden in die Volksrepublik verkauft, den Motor gibt es bei Saab nicht mehr. Schade, und das aus mehreren Gründen. Denn der Motor ist eines der Sahnestücke am Saab 9-5.

Mit Ausgleichswellen ausgerüstet läuft er im Benzinbetrieb sehr sanft und kaum hörbar. Tankt man E85 wird der Lauf rauher, das Verbrennungsgeräusch wird lauter. Allerdings wird das nicht lästig, denn der 2.3 Liter hat ein schönes Klangbild, welches an  eine 5-Zylinder Reihenmotor erinnert.

Auch die Trionic ist bei Saab mittlerweile Geschichte, den Luxus einer eigenen Direktzündung mag man sich nicht mehr leisten. Seit Modeljahr 2012 ist die Trionic auch bei der Saab 9-3 Serie Vergangenheit, denn alle Benziner wurden auf Direkteinspritzer umgestellt.

Schade ist das schon, denn gerade für einen Vielstoffmotor ist die Trionic die optimale Lösung. Die Zündung kalibriert sich nach jedem Tankvorgang neu, in dem die Kraftstoffqualität überprüft wird. Ist ein Kraftstoll mit hoher Oktanzahl im Tank, dann gibt der Motor eine höhere Leistung ab. In unserem Fall 210 PS im E85 Betrieb. Mit Super Kraftstoff sind es nur 185 PS, gefühlt sind es allerdings nur maximal 150 Pferdestärken.

Viel mehr als die Differenz von 25 PS erahnen läßt, ändert sich der Charakter der Maschine im Ethanol Betrieb. Der Saab hängt förmlich am Gas und freut sich über den Biokraftstoff. Richtig motiviert stürmt er nach vorne. Das langhubige, von der Konzeption angegraute Agregat erlebt einen zweiten Frühling.

Die Ernüchterung tritt ein, tankt man notgedrungen durch das weitmaschige Tankstellenetz, fossilen Kaftstoff. Der Saab hat dann nur noch 185 PS – und das Temperament einer Wanderdüne. Ein unhaltbarer Zustand.

Doch es gibt Hilfe aus der Schweiz. Rene Hirsch hat für unseren Saab das, was Viagra für Hugh Hafner ist. Auch dazu später mehr.

Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, Rückleuchte
Saab 9-5 2.3t Vector Biopower, Rückleuchte

Wir haben es geschafft, auch im Winter mit E85 – und nur mit E85 zu fahren. Schon im Sommer ist der Starvorgang mit E85 etwas zäher als mit Benzin, der Motor braucht auch dann einige Meter um sauber am Gas zu hängen. Sinken die Temparaturen unter den 0 Punkt, wird es kritisch. Die Lösung für Ethanol Fahrer ist die Motorblockheizung, ohne die man kein Flexifuel Auto in Mitteleuropa fahren kann.

Der Saab hängt über Nacht an der Steckdose, der Motorblock bleibt warm. Der Startvorgang ist am frühen Morgen kein Problem. Angenehmer Nebeneffekt der Heizung, ein warmer Inneraum und blitzschnell freie Scheiben.

Steht der Saab Biopower dann einige Stunden in frostiger Umgebung, ohne Heizung, ist auch das kein Problem. Der Schwede startete auch nach vielen Stunden immer problemlos.

Der Verbrauch des Saab 9-5 war stark schwankend, hängt ab vom Gasfuß und der Disziplin des Fahrers. Was schwer ist, denn im Ethanolbetrieb macht der Turbo so richtig Spaß. So hatten wir auf schwedischen Landstraßen einen Verbrauch zwischen 8 und 9 Litern mit E85, in Deutschland im Mix Verbrauchswerte zwischen 12 und 13 Liter Ethanol. Mit Benzin wird man in Deutschland zwischen 9 und 10 Liter verbrauchen.

Nach 30.000 Kilometern stellte sich uns die Frage den 9-5 weiter zu fahren oder zu verkaufen. Denn das weiche Fahrwerk und der Leistungseinbruch im Benzinbetrieb war nicht meine Sache. Hirsch Performance bietet die Alternative, mit einer strafferen Fahrwerksabstimmung und einer Leistungssteigerung. Wir haben uns für unsere Freunde aus der Schweiz entschieden.

Wie sich E85 mit einem Hirsch Upgrade verträgt und wie gut das Hirsch Fahrwerk und andere Schweizer Kleinigkeiten sind kann man in der Fortsetzung lesen.

Text: tom@saabblog.net

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7 Gedanken zu „Saab Testbericht: 40.000 Kilometer mit dem Saab 9-5 Biopower

  • Moin!

    Toller Bericht, sehr schönes Auto! 🙂

    Hmmm, nur die Infos über BioPower machen mich nun wieder etwas skeptischer.
    – Steckdose über Nacht im Winter (bei Motorblockheizung)
    – Leistungsabfall
    (dünneres Tankstellennetz hätt mich nicht so sehr gestört, nächste Tankstelle ist aber schon ca. 15km entfernt)

    Ich würd ja gern als nächstes ein „umweltfreundliches“ Auto fahren, aber
    – Hybrid-Autos halte ich nicht unbedingt für eine ideale Lösung
    – Elektroautos sind wohl leider noch nicht all zu alltagstauglich (hat der ePower nicht gerade mal ca. 200km Reichweite? Das wär mir zu wenig.)

    Am liebsten wär mir natürlich wieder ein Saab (und da wohl am ehesten ein 9-5 Sportcombi, u.a.auch wegen der ventilierten Sitze; mittlerweile weniger ein 9-4x).
    Aber entweder wär es dann ja ein „klassischer“ Benziner (ist das zukünftig überhaupt noch „zeitgemäß“) oder eben ein ein BioPower-Wagen mit (wie oben beschrieben) besagten kleineren „Einschränkungen“.

    Hmm … mal schauen und abwarten, was die nächsten Monate so bringen!

    • Moin mac95 !

      Der neue 9-5 hat keine Trionic mehr und damit auch keinen Leistungsabfall (oder Gewinn). Dafür Direkteinspritzer und Twinscroll Turbo 🙂 Die „Steckdose“ macht halt einen warmen Innenraum und freie Scheiben nach wenigen Metern. Wer es nicht mag, muss Super tanken. Bin bislang noch keinen aktuellen (neuen) 9-5 mit Ethanol gefahren, aber vielleicht wird es ja irgendwann…

      LG Tom

      • Ah, ok.
        Danke für die Info.

        Mal schauen, ob ich irgendwann vor dem nächsten Autokauf mal einen aktuellen BioPower testen kann!?
        Interessieren würd mich das schon …

  • Hi Tom

    schöner und interessanter Bericht !
    Ich habe jetzt 30.000 störungsfreie km im 2.0l-Biopower (der gehirscht auch auf 220 PS kommt) hinter mir und kann Deine Erfahrungen in allen Punkten nur bestätigen.
    Der 9-5 wird hoffentlich noch lange seinen Dienst in unserer Familie tun …

    LG
    Frank

  • Hallo SAAB Gemeinde.
    Auch wir haben uns jetzt einen 9-5 SportCombi, Modell 2008, Automatik, 2,3 Biopower gekauft.
    Bei uns ist ebenso eine E 85 Tankstelle im nächsten Ort.
    Werd´ mal testen wie ihm der Alkohol schmeckt.
    Wie sieht´s mit dem Fortschreiben dieses Themas aus: Hirsch-Tuning usw. Interessiert mich auch…
    Grüße von der Nordsee.
    Frank (seit 1989 SAAB Fahrer aus Überzeugung)

    • Hallo Frank,

      Glückwunsch zu Deinem neuen Saab. BioPower ist eine gute Entscheidung und die Fortsetzung kannst Du morgen lesen…

      Grüße in den Norden

      Tom

    • Hallo Frank,

      ist die E85-Tanke zufällig Mettjes in Jever oder Schortens …?

      Gruß vom Exil-Friesen
      fbraun

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