6. Mai 1998. Der letzte Saab 9000 läuft vom Band.

Der 6. Mai 1998 war ein trister, regnerischer Tag. In der Lokalzeitung von Trollhättan gab es eine ungewöhnliche Todesnachricht zu lesen. Der Saab 9000, geliebt und geschätzt, wurde nicht länger produziert. Ein Nachruf von all denen, die dieses außergewöhnliche Fahrzeug bauen durften. Nicht Wenige waren der Meinung, dass an diesem Tag der letzte, wahre Saab vom Band gelaufen war.

Der letzte Saab 9000 im Museum
Der letzte Saab 9000 im Museum. Am 6. Mai 1998 war Schluß.

Nach 503.087 Exemplaren war nun endgültig Schluß und der letzte Saab 9000 rollte in das Museum. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte für die kleine, schwedische Automarke war am Ende. Gelegenheit,  20 Jahre später auf Spurensuche zu gehen.

Nicht Wenigen gilt der 9k als bester Saab aller Zeiten. Und Veteranen haben immer noch leuchtende Augen, wenn sie über diese Jahre berichten. Der große Saab war nach ihrer Meinung das einzigste Fahrzeug, wo sich die Marke selbst und ohne Einschränkungen verwirklichen konnte.

Der Ausnahme-Saab zwischen den Zeiten

Da mag was dran sein. Die Geschichte der Automarke Saab wird aus technischer Sicht von zwei langen Zeiträumen geprägt. Da ist die Ära Gunnar Ljungström. In seiner Zeit entstanden sämtliche Modelle vom 92 bis 99. Der 900 muss ihm ebenfalls zugerechnet werden, auch wenn er nach dem Ausscheiden Ljungströms entstand. Denn er basiert auf der Architektur des Saab 99.

Und dann, ab 1990, die GM Ära. Alle Fahrzeuge waren an das Plattform-Diktat aus Rüsselsheim und Detroit gebunden. Auch wenn Saab das Beste daraus machte. Zwischen diesen beiden Zeitblöcken entstand der Saab 9000. Die einmalige Möglichkeit,  mit einem weißen Blatt Papier zu beginnen, ohne Einschränkungen und Vorgaben. Die Gelegenheit für die jungen Talente in der Stallbacka, die ihre Chance begriffen und nutzten.

Geliebt, geschätzt. Todesnachricht 6. Mai 1998.
Geliebt, geschätzt. Todesnachricht 6. Mai 1998.

Heraus kam ein ungewöhnliches Auto. Ein frecher, unkonventioneller Angriff eines kleinen Herstellers in der Oberklasse. Mit Fließheck, Frontantrieb und Turbomotoren. In Göteborg, wo man immer noch langsame, kantige Hecktriebler baute, sah man mit Entsetzen das Auto der Zukunft aus Trollhättan kommen. Und in Stuttgart baute man damals noch den W123…

Saab war der Zeit voraus. Zumindest dieses eine Mal, für den Hauch einer gefühlten Sekunde. Und aus dem 9k entstand eine Erfolgsgeschichte. Für seine Macher wurde er zur Empfehlung. Nicht wenige der jungen, innovativen Konstrukteure verliessen in den kommenden Jahren Trollhättan und machten Karriere in Göteborg und Deutschland.

 

Der 9000 war sicher nicht der letzte, wahre Saab. Auch wenn das einige Zeitschriften damals so sahen. Aber er war der Abschluß einer Ära,  und kein Saab zuvor und danach verdeutlicht die Philosophie der Marke so wie er.

Die Form folgt der Funktion

Mit Holz und Leder zeigte der 9000 die Luxusinsignien seiner Zeit. Sonst bleibt er gnadenlos sachlich und bis in das Detail durchdacht. Die Bedienelemente haben stets eine weiße Schrift auf schwarzem Grund. Anzeigen von Wichtigkeit sind, wie der Tachometer,  in Signalfarbe ausgeführt. Flugzeugbau pur, das Cockpit eines Viggen Jets folgt der gleichen Logik.

Am besten sieht man diese Unterordnung bei der Gestaltung der Türgriffe. Lediglich ein weißer Strich auf dem schwarzen Griff genügt,  um sich bei Dunkelheit zu orientieren. Das ist einfach genial. Griffe mit glänzender Oberfläche wären damals undenkbar gewesen. Sie hätten unerwünschte Blendeffekte entwickeln können. Ein Auto wie aus einer anderen Zeit. Ambientelicht und Premium-Interieur hätten die Konstrukteure des 9k als das abgelehnt, was sie sind: Pure Eitelkeit ohne jede Funktion.

Die größte Stärke des 9000 ist auch seine größte Schwäche. Während die Tipo4 Kollegen von Alfa und Lancia mit italienischer Grandezza betören, ist der Saab in erster Linie ein Ingenieursauto. Bis zum letzten Detail nüchtern und durchgedacht.

Am 6. Mai 1998 war Schluß mit der Saab in der Oberklasse. Mehr als eine halbe Million Fahrzeuge waren ein Erfolg für die zwei 9000 Generationen. Möglich machte das auch der 900 Turbo, der im Laufe seiner Karriere immer anspruchsvoller und teurer wurde, und die Kunden auf den 9000 vorbereitete.

Es hätte mit Saab in der Oberklasse weitergehen können. Ab 1990 arbeitete man an dem Nachfolger. Aber nicht für lange, dann hatte GM keinen Mut mehr, und die Wallenbergs hatten sich sowieso längst vom Automobilgeschäft losgesagt. Der 9000 blieb ohne Nachfolger, und wer Gründe sucht, warum in Trollhättan keine Autos mehr gebaut wurden, der findet eine der Wurzeln hier.

Der Saab 9000 blieb ohne Nachfolger

In München und in Ingolstadt investierte man in den 90er Jahren in die Oberklasse und baute starke Marken auf. Saab verspielte diese einmalige historische Chance. Der 9-5 konnte und sollte den 9k nie ersetzen. Er war das Auto für die mittlere Baureihe, unterhalb des 9000 Nachfolger und oberhalb des 900 II. Diese Rolle spielte er mit Bravour.

Saab 9000 Nachfolger. Design Bjoern Envall

Der letzte 9000 rollte am 6. Mai 1998 in das Museum. Nicht ohne eine Abschiedsrunde über die Teststrecke am Werk zu drehen. Ein Ausnahmefahrzeug, sicher. Aus einer Zeit, die einfach anders war. Nicht digital, nicht elektrisch, wo Innovationen greifbar und Autos elegant und nicht SUV waren. Eine Epoche, in der im Autogeschäft kleine Firmen und junge Talente Chancen gegen große Konzerne hatten. Eine Zeit, die einfach vorbei ist.

11 Gedanken zu „6. Mai 1998. Der letzte Saab 9000 läuft vom Band.

  • 8. Mai 2018 um 11:37 AM
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    Unsere beiden Anniversary hatten am vergangenen Samstag (5.5.) ihren 20. Geburtstag – gerechnet ab dem Tag der Erstzulassung. Einer davon ist im täglichen Alltagsbetrieb, spult fleissig seine Kilometer ab und geniesst just eine professionelle Innenraumpflege. Der zweite darf sich etwas ausruhen und freut sich vielleicht schon auf die Ausfahrt der SFS im Juni.

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  • 8. Mai 2018 um 12:18 PM
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    Mein Aero hat nach zwei Jahren Aufbaupause jetzt am 3.5. wieder Landstraße unter den 16Zöller. Jetzt sind die Pilotensitze wieder top und auch der Unterboden wurde gestrahlt und lackiert. Meiner wird im Juni 22 (EZ 1996) und hat noch 8 Jahre bis wir zwei Rente bzw. H-Kennzeichen erhalten. So lang hat er Saisonkennzeichen von 5-10.

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    • 9. Mai 2018 um 9:47 AM
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      Das liest sich gut! Das H-Kennzeichen ist auch unser Ziel.

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  • 8. Mai 2018 um 1:03 PM
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    Der 9k war ein großartiges Auto! Und natürlich mal wieder eine verpasste Chance. Hätte man das Konzept weiter entwickelt wäre noch mehr daraus geworden. Trotzdem schön daß es ihn immer noch gibt 🙂

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  • 8. Mai 2018 um 8:22 PM
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    Ein trauriger Bericht über ein wundervolles Auto.
    Ich hatte selber 2 9000 und jetzt einen 900 l .
    Der 9000 war für mich einfach der beste Saab allerzeiten !

    Danke Tom für den tollen Bericht!

    Grüße aus dem Rhein Main Gebiet

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  • 8. Mai 2018 um 10:20 PM
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    Ich freue mich, dass hier dem 9000 Raum gegeben wird. Ja, wenn man die Qualitäten seitens SAAB verstehen will, so ist der 9000 das umfassendste Exempel dafür.
    Ich habe gestern nach knapp einjähriger Ruhe meinen 1998er 2.3 Turbo wieder angelassen und werde ihn zur anstehenden HU vorbereiten.
    Welches Exemplar/welche Fahrgestellnummer hat denn der 500.000. produzierte 9000 gehabt? Kannst Du das zurückverfolgen, Tom?

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    • 9. Mai 2018 um 9:47 AM
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      Man kann das recht einfach. Die W Nummern wurden durchgängig vergeben. Der Saab im Museum hat die …8785. Also sollte das 500.000 Modell die …5698 haben. Muss am 10. oder 11. Dezember 1997 vom Band gelaufen sein. Wurde nicht nach Deutschland geliefert.

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  • 9. Mai 2018 um 8:26 AM
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    Eine Todesanzeige …

    … zeigt, wie viel Herzblut im 9000 steckt. Für viele Kunden und viele Veteranen eben DER SAAB.

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  • 9. Mai 2018 um 11:19 AM
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    Mein 9000 CS (hatte ich 10 Jahre bis 2006 gefahren) wirkte zumindest robuster als mein jetziger 9-3 BP. Man darf jedoch anhand der Fahrzeuggewichte und der durchgeführten Crashtests für Modelle beider Baureihen davon ausgehen, dass die neueren Baureihen neben der besseren Handhabung und Straßenlage auch hinsichtlich Sicherheit mehr zu bieten haben und somit schon die deutlich besseren Fahrzeuge sind.

    Damals war der 9000er aber ein Top-Fahrzeug, der es mit der Konkurrenz locker aufnehmen konnte.

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  • 9. Mai 2018 um 7:40 PM
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    Auch ich hatte je einen CC und einen CS. Wunderbar durchdachte Langstreckenautos mit einer tollen Raumökonomie und einer zeitlosen Linie. Auf der Sollseite standen eine nicht ganz so burgähnliche Verarbeitung wie im 900 I oder im zuvor bewegten Volvo 240. Aber insgesamt tolle Autos. Insbesondere den CS habe ich im Nachhinein viel zu früh verkauft.

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  • 11. Mai 2018 um 11:36 PM
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    Wundervoll zu lesender Artikel, toll. Das darf mein 9-5 OG Aero jetzt nicht hören, aber es gibt nur ein Auto was für mich über dem 9-5 steht. Der 9000. Zeitlos. Simpel. Viel mehr als man in einem Auto wirklich braucht, und doch ist davon nichts Spielerei oder unnötig. Damals durfte ein Auto noch Auto sein und wurde nicht an der Qualität seiner 360° 3D Umfeldkamera beurteilt. Der 9-5 ist schon real, der 9000 ist das nächste Ziel für mich. Natürlich neben und nicht statt dem 9-5.

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