Saab DNA (noch) gut verteilt

Ein NEVS 9-3 EV in freier Wildbahn. Ein seltenes Bild, irgendwo in China, vermutlich in der Mega-City Tianjin. Der 9-3 hat sich in den letzten Jahren verändert, ist aber immer noch als Saab zu erkennen – trotz Facelift und neuer, höherer Motorhaube. Würde man den NEVS Schriftzug gegen die vier magischen Buchstaben von Saab ersetzen, ja dann…

NEVS 9-3 EV
NEVS 9-3 EV gefunden auf WeChat

Die Produktion in Tianjin soll in diesem Jahr starten, was man mit einiger Skepsis betrachten darf, denn die Fakten sprechen dagegen. Völlig konträr zu dem,  was sich in Trollhättan tut, oder besser nicht tut, ist der Vortrag von NEVS Gründer Kai Johan Jiang während der „Ekotransport“ Konferenz.

440.000 NEVS EV im Jahr 2020

Unter dem Titel „NEVS – Brücke zwischen Trollhättan und Tianjin“ skizzierte er Pläne einer sehr nahen Zukunft. 2018 würde die Produktion des NEVS 9-3 EV in China starten. Noch in einem kleineren Umfang, aber 2019 sollen bereits 220.000 Elektroautos mit NEVS Logo den Weg zum Kunden finden. Im Jahr 2020 sollen in Trollhättan und Tianjin zusammen 440.000 Fahrzeuge gebaut werden und 3.000 Jobs in der früheren Saab Fabrik entstehen.

Det finns en fördel med Trollhättan; där finns ett kunnande om hur man bygger bilar. De är världsbäst i Trollhättan. Det är vår hemstad.

KJJ setzt auf die schwedische Karte. „Auf die weltbesten Autobauer, die wissen wie man Fahrzeuge baut.“ Und bezeichnet Trollhättan als Heimatstadt. Ausserdem steht bei NEVS Qualität statt Premium im Vordergrund. Ein Preis von rund 22.000 € für ein NEVS Elektroauto mit 300 Kilometern Reichweite soll das Produkt für weite Kreise der Bevölkerung attraktiv machen. Den Artikel über den Vortrag -zu schön um wahr zu sein und im krassen Gegensatz zu allem,  was in den letzten Monaten geschah – kann man bei Dagens Nyheter nachlesen.

Vision oder Wirklichkeit? Es wäre zu wünschen, dass der Automobilstandort Trollhättan eine Zukunft hat. Und man muss vorsichtig sein, wenn man chinesische Startups,  trotz langem Siechtums,  vorschnell abschreiben will.

Wende in der Qoros Geschichte

Erinnert sich jemand an Qoros? 2011 und 2012 verließen viele Ingenieure Trollhättan und heuerten bei Qoros an. Prominentes Aushängeschild des israelisch-chinesischen Startups wurde der ehemalige Saab Pressechef Eric Geers. Es floß viel Saab Sicherheits-Know-How in die Entwicklung des Qoros 3, der damals als Resultat das beste Crashtest-Ergebnis aller bisher getesteten Fahrzeuge hinlegte.

Ein gutes Produkt und die Ambition,  die Welt zu erobern. Daraus wurde nichts ! Die Produktionszahlen blieben gering, die Nachfrage verhalten. Der Europastart wurde beerdigt, personelle sowie finanzielle Probleme kamen auf. Die Europäer verließen Qoros und suchten neue Arbeitgeber. In den folgenden Jahren sanken die Produktionsziffern immer weiter ab, trotz zusätzlicher Modelle, und Qoros testete Monat für Monat neue Negativrekorde.

Im Dezember 2017 übernahm die Baoneng Group 51% bei Qoros, tauschte das Management aus und verordnete dem Unternehmen eine Radikalkur. Mit Erfolg ! Im ersten Quartal lieferte Qoros 11.371 Autos aus, ein Plus von 288% zum Vorjahr, und bereits 74% des kompletten Volumens des Vorjahrs. Eine dauerhafte Erholung? Schön wäre es, denn in jedem Qoros steckt Saab Sicherheits-DNA.

Kein Saab Motor im Foton-Borgward

Und dann war da noch die Geschichte mit Borgward. Die Marke ist zu 100% chinesisch und gehört zum Nutzfahrzeughersteller Foton, der wiederum zum Staatskonzern BAIC gehört, welcher die Rechte an den alten Saab Motoren besitzt. Im BAIC X65, das Schwestermodell zum Borgward BX7, arbeitet ein weiter entwickelter B205 Turbo, und es gab die Vermutung,  den Borgward mit einer Saab Maschine unter der Haube zu sehen.

Das Deutschlanddebüt bei Borgward stockt, und eigentlich hätte es 2017 schon so weit sein sollen. Jetzt sind endlich die ersten 34 Fahrzeuge in Bremerhaven gelandet, nur eine kleine Vorhut bei den großen Ankündigungen. Foton-Borgward produziert derzeit mehr offene Fragen als Antworten, der Weser Kurier hat die Situation treffend zusammengefasst.

Aus Saab Sicht ist Foton-Borgward sowieso zunehmend uninteressant. Der frühere Saab Designer Hareide gab nur ein kleines Gastspiel bei der Marke, und unter der Haube befindet sich kein Saab Motor. Ein von Foton entwickelter Direkteinspritzer kommt exklusiv bei Modellen mit dem Borgward Schriftzug zum Einsatz. Die Saab Motoren bleiben bei BAIC, der X65 mit dem 2 Liter Saab Turbo wird nur über freie Importeure in Deutschland verkauft.

Allerdings ist die ganze Geschichte mit der Saab DNA bei BAIC auf dem Rückzug. Der Senova Label, vom Start weg mit Erfolg unterwegs, schwächelt mittlerweile stark. Der D70, basierend auf dem alten Saab 9-5, bekam zwar ein Facelift, hat aber keinen Saab Turbo mehr unter der Haube. Fast ein Jahrzehnt nach dem Erwerb alter Saab Technologie scheint deren Karriere in China dem Ende entgegen zu gehen.

7 Gedanken zu „Saab DNA (noch) gut verteilt

  • 3. Mai 2018 um 2:26 PM
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    Also doch Elektro-Fahrzeuge aus Trollhättan – zu schön um wahr zu sein. Sollte es tatsächlich dazu kommen, könnte man KJJ im Vergleich mit anderen Autobossen auch als Tiefstapler bezeichnen.

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  • 3. Mai 2018 um 2:35 PM
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    Ich finde es gut, dass Tom dem Thema treu bleibt. NEVS ist aber Ankündigungsweltmeister, das sollte man immer bedenken! Um so schöner, dass es hier eine emotionsfreie, sachliche Berichterstattung gibt.

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  • 3. Mai 2018 um 3:32 PM
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    Ich bin immer wieder erstaunt an welchen Stellen Tom fündig wird und die Informationen zusammenträgt und sachlich berichtet! Danke!

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  • 3. Mai 2018 um 3:48 PM
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    Wenn man die aktuelle Finanzsituation bei Tesla sieht dann weiß ich nicht wie NEVS jemals Geld verdienen will…

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    • 4. Mai 2018 um 12:10 PM
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      Tesla erscheint organisatorisch irgendwie zu aufgebläht – die Fahrzeuge wurden von Fachleuten außerdem qualitativ nur als mittelmäßig beurteilt (USA-Standard). Ein chinesisch-schwedisches Unternehmen könnte in diesen Bereichen vermutlich mehr bieten und damit finanziell auch besser dastehen.

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  • 3. Mai 2018 um 4:19 PM
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    Vom Winde verweht …

    Immer wieder faszinierend, wie viel und wo überall SAAB-DNA verwendet wurde und wird. Sie muss wohl gut sein. Immer noch!

    Um so besser, dass man die DNA noch immer in Reinform auf dem Gebraucht- und Ersatzteilmarkt findet. Und dort findet man sie sogar noch in Form von original Neuteilen.

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  • 3. Mai 2018 um 6:01 PM
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    Vielleicht sollte OPEL einen eigenständigen Ausstieg aus dem PSA-Konzern wagen und in Ihren Fabriken und in Trollhättan wieder gemeinsame, zukunftsträchtige Fahrzeuge entwickeln und produzieren.

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