Das zweite Leben der Anderen

Manchmal hilft der Blick zurück, wenn man nach vorne schauen möchte. Auf der Techno Classica gab es Trends für die Zukunft. Zwar jenseits von Saab, vielleicht dennoch wegweisend für die Zukunft der Marke und ihrer Fahrzeuge. Zumindest aber ein Denkanstoß. Ausserdem: ein Besuch bei Volvo endet anders als geplant. Und ein erschreckendes Geständnis.

Das zweite Leben für den Landlord

Die deutschen Hersteller sind, was Zweit-,  Dritt- und Viert-Verwertungen angeht,  führend. Mercedes Händler restaurieren seit Jahrzehnten alte Sternenwagen. Und Porsche verdient mit dem Klassiker Geschäft so richtig gutes Geld. Ein geniales, nachhaltiges Perpetuum Mobile, wo stets die gleichen Fahrzeuge immer wieder gewartet und restauriert werden. Ein unendlicher Kreislauf, der permanent Geld in die Kassen spült.

Relativ neu in dem Geschäft ist Jaguar – Land Rover. Die Classic-Abteilung hatte einen gut gemachten Stand in Essen und präsentierte eindrucksvoll,  was geht. Zwei offene E-Types, einer restauriert, einer im guten verbrauchten Zustand, zeigten,  was der Kunde erwarten kann. Das zweite Leben, als perfekt gemachter Neuwagen aus den Werkshallen.

Das zweite Leben,  wie es Land Rover interpretiert

Ein interessantes Thema, das ein perfekter Serie I Land Rover von 1955 am Besten demonstriert. Nach Werksvorgaben –  mit einem Höchstmass an Authentizität neu aufgebaut –  werden so viele Originalteile wie möglich erhalten. Alles andere ist neu, streng nach den Original Vorgaben. Der „Reborn“ Landy rollt mit einer 12 Monate Werksgarantie zum Kunden. Entweder pur, so wie er 1955 vom Band lief, oder mit zusätzlichen Upgrade-Optionen,  die das Fahren angenehmer und sicherer machen.

Der Preis, ab 85,000.00 €, dürfte für die anvisierten Landlords keine Hürde sein. Stil und Klasse hat eben ihren Preis. Ein anderer, noch nicht restaurierter Serie 1 Land Rover zeigt den Ausgangszustand. Er ist der letzte „Lights behind the Grille“ Typ und wurde am 11. Mai 1950 in Melbourne ausgeliefert. JLR Classic, auf der weltweiten Fahndung nach spannenden Fahrzeugen, kaufte ihn an. Jetzt wartet er auf den passenden Kunden. Sein zweites Leben soll ab 100,000.00 € kosten.

Das zweite Leben alter Fahrzeuge könnte ein Geschäft mit viel Zukunft sein. Die Digitalisierung rollt in diesem Jahr mit voller Wucht auf den Neuwagenmarkt zu. Virtuelle Cockpits und Displays, mit immer mehr Onlineangeboten und Assistenten gibt es ab sofort bei fast allen Marken und in nahezu allen Preisklassen. Der Kunde wird das toll finden – am Anfang. Nach einer gewissen Zeit könnte er sich in seine analoge Wohlfühlzone zurück wünschen. Ohne Cloud, ohne eine Legion von Assistenten, ohne ungebremsten Informationsfluss.

Wer genervt ist, und wer es sich leisten kann, könnte früher oder später Fluchtgedanken hegen. Und JLR Classic kann sie erfüllen. Ein 1950er Serie 1 Landy vermittelt zumindest für ein einige Stunden das Gefühl der schottischen Highlands mit Freiheit, Abenteuer und Selbstbestimmtheit.

Ein Modell für Saab? Vielleicht !  Ein zweites Leben für eine Marke, die eigentlich tot sein müsste – aber immer noch atmet. Es liegt viel Charme im Gedanken einer Werksrestaurierung. Einen klassischen 900 nach Werksvorgaben neu aufgebaut, mit Neuwagen (!) Garantie, das hätte doch etwas. Ein 9000 Turbo, mit Upgrade-Optionen als individueller Business Express, warum nicht? Das zweite Leben für Saab. Starke Klassiker, technisch verbessert und auf der Höhe der Zeit. Und dann bitte unter der offiziellen Lizenz der Saab AB.

Ein Modell für die Saab Zukunft, vielleicht eine Blogger-Verrücktheit. Aber auch ein Denkanstoss für Firmen,  die sich mit alten Autos und mit Saab im Speziellen beschäftigen.

Ein erschreckendes Geständnis

Jeder Besuch in Essen führt auch zum Stand der anderen schwedischen Marke. Die spielt recht gut die Karte mit ihren historischen Fahrzeugen, zeigt aber auch jeweils das aktuellste Modell. Eigentlich interessieren mich dann die Klassiker mehr als die Neuerscheinung. Eigentlich…

In diesem Jahr präsentierte Volvo irgendein James Bond Fahrzeug, und der Leser merkt spätestens hier, dass alles anders war. Denn es war der XC40, den ich spannend fand. Ausgerechnet ein SUV, und das kam wirklich ungeplant. Der Anfang: Da war diese Schwedenfahne an der Motorhaube. Ein kleines, nettes Detail, wie ich es mir bei Saab immer gewünscht hätte. Ein Stylinggag, der in mir Neugier weckte auf mehr. Zum Beispiel auf den Innenraum.

Und spätestens da überraschte mich der Volvo. Angeblich arbeiten viele ehemalige Saab Designer bei Volvo,  und auch Simon Padian steht auf der Lohnliste in Göteborg. Und es fällt mir recht schwer,  es zu gestehen: ich mag den kleinen Schweden. Das XC40 Design hat enormen Wohlfühlcharakter, man entdeckt viele schöne Details bei Material und Gestaltung. Reinsetzen, umgehend wohlfühlen, wann ist mir das seit 2011 passiert?

Nie, und das ist das Erschreckende. Volvo und Saab, das war immer auch Rivalität. Ein Grund für meine Entscheidung,  die Marke aus Göteborg vom Blog fernzuhalten. Und jetzt das… Wie damit umgehen?

Vielleicht hilft ein schneller Blick auf das Preisschild, um die spontan erwachte Liebe zum Volvo XC40 abkühlen zu lassen. 58,000.00 € werden für das Ausstellungsstück notiert. Ganz schön viel Geld. Vor allem,  weil es kein Saab ist.

19 Gedanken zu „Das zweite Leben der Anderen

  • 28. März 2018 um 2:09 PM
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    Pure Saab passion sähe anders aus.

    Man driftet nun sehr stark von SAAB ab.

    • 28. März 2018 um 2:25 PM
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      Genau dieses Abschweifen macht den Blog seit Jahren so spannend. Ich schätze das sehr, gut geschrieben.

  • 28. März 2018 um 2:29 PM
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    Und als ob es so gewollte wäre, nennt Volvo den Slogan zu dem Fahrzeug „typisch anders“

  • 28. März 2018 um 2:36 PM
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    Das war wieder mal ein interessanter Beitrag im Blog was die Möglichkeiten für SAAB betrifft. Diesmal nicht nur Nostalgie, sondern eine Option für die Zukunft. Aber auch die Anmerkungen zum Volvo XC 40 aus der Feder unseres SAAB-Boggers finde ich spannend, zumal ich mit diesem Auto (XC 40 T4) liebäugle. ABER am Di, 27. März war in der Technikbeilage der FAZ eine deutliche Warnung zu lesen. Zurückhaltend allerdings, wie man es von der FAZ auch nicht anders erwartet.

    Flor

  • 28. März 2018 um 3:08 PM
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    Danke für die interessanten Gedankenspiele, auch die für SAAB! 🙂
    In der Tat beobachte ich mehr „vollresaturierte SAAB´s“ in den letzten beiden Jahren…, z. B. bei Fa. Heuschmid, im Süden der Republik. Ich kann es mir gut vorstellen, dass diese analogen SAAB´s eine weitere Zukunft haben. Doch dann sollte „der Rest auf den Straßen“ auch gesichert werden… 😉
    Den „Fähnchen-Spaß“ kann ich gut nachvollziehen—auch ich hätte Frede dran gehabt.
    Es macht u.a. auch deshalb die Fa. Fjällräven so sympatisch… 😉 Halt typisch schwedisch… 🙂

  • 28. März 2018 um 5:10 PM
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    Ich war auch grad´ bei Volvo – beim Volvo-Händler nebenan. Auch für mich ist der XC40 der erste Volvo, der mich anlächelt. Ich war aber da, weil mein rechter Xenonscheinwerfer im 9-5 aufgegeben hatte. Blöde. Aber der freundliche Servicetechniker sagte: „Klar, gern helfen wir bei einem skandinavischen Kollegenauto.“ Ohne Voranmeldung war dieser ja nicht ganz billige Tausch angenehm erledigt.

  • 28. März 2018 um 5:44 PM
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    Ich mag die neue Generation von Volvos auch immer mehr… und der XC40 hats mir auch im besonderen angetan. Ist vielleicht mal einen genaueren Blick wert…

    Von meinem Alltagswagen, einem VW Tiguan, bin ich zurzeit dermassen genervt, dass ich die Idee, analogen Fahrzeugen ein weiteres Leben zu schenken, ganz hervorragend finde. Zurzeit habe ich den Eindruck, die Wolfsburger haben nicht nur beim Diesel die Software «angepasst», sondern auch bei meinem Benziner diverse elektronische, sauteure «Sollbruchstellen nach 8 Jahren» eingebaut. Zum verschrotten zu schade, zum fahren zu teuer… da freue ich mich, in den nächsten Tagen den 28-jährigen 9000er wieder aus dem Winterschlaf holen zu können… auf das sein erstes Leben noch lange andauert!

  • 28. März 2018 um 5:50 PM
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    Also das mit den Werksrestaurierungen ist schon eine tolle und bestimmt auch renditeträchtige Sache. Nur – wo kein Werk, da halt auch keine Werksrestaurierungen.

    Und eine Rivalität zwischen Volvo und Saab sehe ich persönlich nicht. Meine Fahrzeughistorie war hier immer ausgewogen gemischt. Was sollte denn sonst eine Alternative zu einem Saab sein? Die Bling-Bling-Pseudo-Premiummodelle von Audi/BMW/Mercedes doch wohl eher nicht, oder?

    • 28. März 2018 um 6:05 PM
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      Genau Griffin, sicher kein Auto aus dem VW Konzern, never ever! Wenn es mal nur noch zwei Marken geben sollte, ich würde die andere kaufen!

    • 28. März 2018 um 7:08 PM
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      Im Kern geht es um eine Restaurierung nach Werksspezifikationen. Die Pläne und das Wissen dafür sind (noch) vorhanden. Unter der Lizenz der Saab AB könnte das irgendwo sein – wenn auch Trollhättan als Standort das Optimum wäre.

      • 28. März 2018 um 8:38 PM
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        Leider bleibt bis jetzt nur die ausgewiese Fachwerkstatt.
        Ich habe mir für kommenden Monat auch vor genommen, meinem 98er 9.3 eine GR von Fachmännischer Hand angedeihen zu lassen.
        Wird bestimmt nicht billig. Aber es lohnt sich wie Tom schon so oft betont hat, aus Ökologischer Sicht.
        Ausserdem hängt viel zu viel Herz an dem Fahrgefühl, welches ein moderner Volvo mir garantiert nicht geben kann.

  • 28. März 2018 um 5:54 PM
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    Wo auch immer Bloggers Blick hinfallen mag …

    … mir ist sehr sympathisch, wie er das mit uns allen teilt.

    Da gibt es immer mal wieder Sympathie für das eine oder andere Auto der Vergangenheit und auch für manches Vehikel der Gegenwart. Wäre es anders, wäre mir persönlich sein Enthusiasmus für SAAB auch nur die Hälfte wert …

    Just my 2 Cents.

  • 28. März 2018 um 6:02 PM
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    Es ist eindeutig ein doch ziemlich arrogantes Zeichen einer Wohlstandgesellschaft, wenn altes Blech für Euro 100`000.- wieder gebrauchstüchtig gemacht wird! Ich habe neun Jahre in Schwarzafrika gelebt, da könnte man mit soviel Geld soviel Gutes tun. Und alte Landrover gibt es dort auch zu Hauf….

    Der Abstecher zum Volvo XC40 kann ich gut nachvollziehen. Der gefällt mir auch ausserordentlich, aber der Preis ist doch jenseits von meinen Vorstellung, man möchte fast sagen, die spinnen doch die Schweden ( oder Chinesen )

    Frohe Ostern an alle, geniessen wir unsere Saab über diese freien Tage!

    • 28. März 2018 um 6:25 PM
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      Die Preisvorstellung von Volvo ist sehr selbstbewusst. Die Leasingrate dürfte das, wie so oft, relativieren. Für mein Empfinden ist er zu teuer, auch wenn er gut gemacht ist.

  • 28. März 2018 um 7:19 PM
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    Hi,

    Der XC40 startet ab ca 32000€.

    Dieses Fähnchen haben nur die First Edition Modelle an der Motorhaube. Kann man leider auch nicht nachbestellen.

    Grüße aus dem Vorharz
    Elmar

    • 28. März 2018 um 7:25 PM
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      Danke Elmar! Wäre schön gewesen wenn es die netten Fähnchen auch so gäbe 😉

  • 29. März 2018 um 6:12 AM
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    Müsste ein Neuwagen her, dann käme für mich nur ein Volvo in Frage, allerdings nicht der XC40 (der erinnert mich zu sehr an BMW und Co., beispielsweise im Bereich der C-Säule an den ersten X3), sondern der fabulöse, neue V60. Auch im Kundendialog finde ich Volvo z.Zt. ausgesprochen engagiert und hilfsbereit. Daher Danke für den Beitrag, Tom !

  • 29. März 2018 um 9:55 AM
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    Nur leider ist die Verarbeitung bei modernen Volvo nicht mehr so gut.
    Was manche an diesem SUV finden, kann ich auch nicht nachvollziehen.
    Aber der Preis ist eigentlich in Ordnung, wenn man vergleicht. Der neue Tiguan kostet auch über 30.
    Das mit den Fähnchen, lässt sich doch ganz einfach mit paar Aufklebern von der Tanke oder sonst wo lösen.

    Dann noch der Schatten von nem Elch auf di Heckklappe und der Volvo ist perfekt!

  • 9. April 2018 um 11:20 PM
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    Der XC40 hat was, Volvos sind in den letzen Jahren wieder sehr schön geworden und mir gefällt auch wie sie die Autos präsentieren, ich war im Februar erstmalig bei der Präsentation am Wiener Eistraum, Vienna Volvo Icecube im XC40 drinnen. Die Sitze fand ich bequem, konnte jedoch keine Sitzposition finden, von der ich alle Anzeigen am Digitalen Tach sehen konnte, ohne dass es vom Lenkrad abgedeckt wird. Den Einstieg fand trotz der SUV Form nicht die bequemste – es kommt selten vor, dass ich mir beim Einsteigen des Autos den Kopf anhaue. Trotz der kleinen subjektiven Kritik gefällt er mir

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