Techno Classica 2018. Das zweite Leben.

Die Techno Classica 2018. Glänzendes, altes Blech, das sich von seiner schönsten Seite präsentiert. Draußen brandet die Welle der Digitalisierung heran, aber in den Hallen scheint noch alles in Ordnung zu sein. Ein Eindruck,  der aber täuscht. Die Jahre des ungebremsten Wachstums sind erst einmal vorbei. Ob es nur ein Dämpfer oder eine Trendwende sein wird, ist unklar.

Saab 900 Monte Carlo

Der Porsche 911, das Mainstream-Auto der Spekulation, dominiert zwar weiter die Messe. Die Marke übt sich in einer Art Überpräsenz. Ein großer Stand der Porsche AG, ein Dezenterer vom Porsche Zentrum Gelderland, unzählige Händler mit dem Schwerpunkt auf schwäbischen Sportwagen. Der offizielle Porsche Club hat den wahrscheinlich größten Stand aller Clubs, vermutlich bezahlt durch die Porsche AG. Und für einen ordinären 911er steht nun im Schnitt 70.000,00 € auf dem Preisschild, statt 50.000,00 wie vor 2 Jahren.

Aber etwas ist anders. Kaum jemand scheint Interesse zu haben, die Stände der Händler bleiben leer,  und man findet keine „Verkauft“ Aufkleber an den Frontscheiben. Platzt da gerade eine Blase, oder ist es nur eine Marktanpassung?

Die Mainstream-Krise hat Vorteile. Für die Besucher, die nach 3 Hallen,  in denen gefühlt jedes 2. Auto ein Porsche ist, entnervt sind. Und für Händler, die andere, vernachlässigte Marken neu entdecken können. So konnte man in diesem Jahr vermehrt französische Fahrzeuge sehen. Ein gepflegter R16, ein R5 Turbo,  eine DS im Hochpreis-Segment, Luxus von Facel Vega.

Ein wunderschöner, originaler Saab 92B

Auch Saab ist endlich ein Thema. Sowohl in den Hochpreis-Hallen, als auch auf dem Freigelände. Ein sehr schöner, sehr originaler Saab 92B stand in Halle 9 zum Verkauf. Ein Klassiker mit einem sichtbar gelebten Leben, der nicht zu Tode restauriert wurde. Der Lack matt und wahrscheinlich original, der Innenraum unverbastelt und erkennbar 65 Jahre mit Leben gefüllt. Man kann nur wünschen, dass der mögliche Käufer den Saab behutsam erhält und bewahrt. Perfekt überrestaurierte Klassiker gibt es schon genug.

Der Preis von 25,000.00 € zeigt,  wohin die Tendenz bei Klassikern aus Trollhättan geht. Das Saab 900 Monte Carlo Cabriolet vom gleichen Anbieter war für 35,000.00 € im Angebot. Ein paar Hallen weiter dann ein  95 V4 für 16,900.00 € und, gleich daneben, ein 900 Cabriolet. Ein seltsames Fahrzeug, mit einem pubertär lackierten Kühlergrill und fehlenden Verbreiterungen an den Kotflügeln. Mehr rollende Restauration als ein ernsthaftes Angebot.

Saab 9000i mit 66.000 Kilometern

Gleich zwei interessante Autos gab es auf dem Freigelände zu sehen. Richtig lecker: Ein Saab 9000i aus dem Jahr 1988 mit 66.000 Kilometern. Ein extrem authentisches Auto, das 27 Jahre bei seinem schwedischen Besitzer war. Der muss seinen Saab sehr geliebt und gepflegt haben, wie die Aufkleber am Auto beweisen. Der Zustand erinnert auf den ersten und zweiten Blick an einen Jahreswagen, kaum an einen H-Kennzeichen fähigen Klassiker. Der geniale bokhara-rote (!) Innenraum ist 80er Jahre pur, und der Saab wäre die sichere Eintrittskarte für jede Oldtimerausfahrt.

Die zwei gut gelaunten, netten schwedischen Verkäufer können Kilometer und Historie belegen. Nach fast 30 Jahren im Erstbesitz kam der Saab 2015 zu einem Sammler, aus dessen Nachlass der 9000i nun verkauft wird. Der Preis: 9.000,00 €. Klar, was sonst.. Angemessen? Ich denke schon. Er dürfte der einzigste 9000i mit manueller Schaltung mit diesem Zustand, Laufleistung und Historie sein. Das beste schwedische Auto der 80er Jahre ist nicht teuer. Sondern angemessen eingepreist. Lust auf einen guten 9000 CC? Die Adresse der Verkäufer liegt uns vor.

Saab 9-3 mit 29.600 Kilometern

Eine Reihe weiter, der nächste Schwede. Ein Saab 9-3 aus dem Jahr 1999. Die erste 9-3 Generation ist mittlerweile offiziell im Youngtimer-Alter angekommen. Ein Ausnahmeauto, mit 29.600 Kilometern auf dem Tacho. Glaubhaft? Der Blick in den Innenraum und auf den Lack räumt jeden Zweifel weg. So sehen nur nahezu unberührte Sitze aus, so stehen nur Autos da,  die wenig Sonne gesehen haben.

Der Preis 9.800,00 €. Auch hier kann man sich die Diskussion um den Preis sparen. Der 9-3 dürfte der Einzigste in diesem Zustand und mit dieser Laufleistung sein. Ein Fall für Sammler. Aber Laune kommt nicht auf. Den 9000i bei den beiden Schweden hätte ich gerne gekauft. Weil das Auto eben passt, weil gute Laune und eine Geschichte hintendran stehen. Nach einigen Bier wären Preis und Gefühl im Einklang gewesen, und alles wäre perfekt.

Nicht so beim 9-3. Der Eindruck zeigt, dass hier ein Gebrauchtwagen-Profi Kasse machen möchte. Die dick aufgetragene Reifenfarbe erinnert an finsterste Schotterplätze, die abgeplatzten Embleme hinten und vorne verderben den Jahreswagencharakter eines sonst sehr sauberen Autos.

Kommt die Klassikerszene zurück zu ihren Wurzeln? Wird sie wieder vielfältiger und interessanter? Die diesjährige Techno Classica gibt Anlass zu einer kleinen Hoffnung. Die Saab Dichte hat sich, auf einem sehr niedrigen Niveau, verdoppelt. Vielleicht ein Anfang.

Große Klassikermessen sind auch Trendbarometer. Eine andere Traditions-Marke ist Trendsetter und demonstriert, wohin die Reise gehen könnte. Mehr darüber in dieser Woche in der Kolumne „Tom`s Rückspiegel„.

13 Gedanken zu „Techno Classica 2018. Das zweite Leben.

  • 26. März 2018 um 11:49 AM
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    Schön dass immer wieder Sammlerobjekte aus dem Nichts auftauchen! Ein alter SAAB ist 1000x individueller als jeder 911! Die Marke hat noch viel Potential!




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  • 26. März 2018 um 12:47 PM
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    Ich finde die Stimmung von der Techniclassica gut eingefangen…….ergänzend dazu möchte ich nach meinem gestrigen Besuch noch anmerken: Es ist zum Teil richtig peinlich, wie die Marketingabteilungen von grossen Autokonzernen, die sich jahrelang einen Sch…….. um die Unterstützung der Oldiefahrer gekümmert haben nun sich als grosse Tradionalisten aufspielen……so machte der VW-Konzern auf der Messe mit seinen Marken mal wirklich richtig tam-tam…..nicht nur dass der Seat Trekka (in den sechzigern Jahren mit Basisteilen des Octavia für den riesigen Automarkt in Neuseeland dort zusammengeklöppelter Vierradantriebwagen) nun zum Vater der Vierradantrieb.Philosophie gemacht wird, nein, auch müssen die Fiat-Lizenzbauten aus Spanien, die dem Fiat 600 und ähnlichen bis aufs Firmenschild namens SEAT gleichen, herhalten um zu zeigen wie international VW mit Tradition und Oldtimern umgeht.
    Ich hoffe, dass die von Tom geschilderte Baisse der „professionellen“ Oldtimerhändler dazu führt, dass sich das ganze wieder im Liebhaberbereich einpendelt, auch wenn das vielleicht ein Traum bleibt. Vielleicht ist dann für tapferen Markenklubs wieder ein Auftritt bei der Techniclassia besser finanzierbar und die Messestände dieser engagierten Vereinsmitglieder werden wieder zu Highlights dieser Veranstaltung………dieses Jahr fand ich den Stand der DKW-Munga-Freaks, bei dem eine Rotkreuz-Stadion mit allem Schnipp und Schnapp inklusiv des aus dem offenen Schienbeinbruch puslierenden Blutes einer attrativen Schaufensterpuppe am aufregensten.




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    • 26. März 2018 um 1:40 PM
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      Habt Ihr am vergangenen Samstag in der Tageszeitung „Die Welt“ den ganzseitigen Artikel „Schwedenstahl mit Turbolader“ gelesen? „Saab müsste längst mausetot sein, der Hersteller ging 2011 insolvent. Doch dank engagierter Fans und einer guten Ersatzteillage lebt die Marke weiter …“ Also auch ohne Werksunterstützung.




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      • 26. März 2018 um 1:49 PM
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        Ich vermute mal es ist dieser Artikel aus der WELT, der auch online verfügbar ist. Gut geschrieben und auch Bredlow, der älteste Saab Händler Deutschlands (und sporadische Blog Unterstützter = Danke nach Berlin!), kommt darin vor.




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        • 26. März 2018 um 3:36 PM
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          Bredlow ist der älteste Deutschlands? Das wusste ich gar nicht …

          Aber es erklärt so einiges. Auf der positiven Seite steht in jedem Fall, dass die Inhabergemeinschaft und die Mitarbeiter sämtlich SAAB fahren und leben …

          Natürlich war Bredlow auch Anlaufstelle für die SAAB-Händlertour. Dort habe ich in Natura die einzigen 9-5 II SC und 9-4X gesehen, die ich jenseits von Fotos je zu Gesicht bekam.

          Auf der negativen steht dann vielleicht, dass immer mehr Generationen vom SAAB-Geschäft leben wollen? Aus dem (Groß-) Vater und Gründer (singular) wurden schon vor Dekaden die Söhne (plural). Und längst auch Kindeskinder. Anders gesagt, die mittlerweile erwachsenen Enkelkinder des Gründers …

          Nun hätte SAAB diese exponentielle (Familien-) Entwicklung im Idealfall vielleicht mitvollziehen können, hat SAAB aber leider nicht.

          Und selbst die Hauptstadt ist nicht mit (ehemaligen) SAAB-Händlern gepflastert. Die Auswahl ist gering und ich habe mit beiden Erfahrung. Billig ist keiner. Ich würde mir mehr Auswahl wünschen. Aber so wie es ist, scheint mir der preiswertere auch der ältere SAAB-Händler zu sein …

          Mein persönlicher Rat an ihn wäre, den Blog künftig vielleicht doch wieder kontinuierlicher zu unterstützen. Die Community schrumpft, aber ihr Zusammenhalt wächst. Dabeisein ist alles …

          Just my 2 cents.




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          • 26. März 2018 um 5:46 PM
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            Bredlow hat ganz viel Geschichte zu bieten… Sieht man ja an der tollen, alten Saab CI am Gebäude. Im Haus links neben Werkstatt und Showroom waren 2011 die Wände im Flur voll mit Bildern der Firmengeschichte. Sehenswert, vielleicht ist das ja heute noch so.

            Die Hoffnung auf mehr permanente Blog Unterstützer ist, bei allem Saab Spirit, genau so utopisch wie auf einen Neustart in Schweden zu hoffen. Weniger Autos, eine schrumpfende Community, bei steigendem Aufwand. Nichts ist für ewig lieber Herbert!




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          • 26. März 2018 um 6:33 PM
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            Der Satz (nichts ist für ewig) ist so allgemeingültig, dass jeglicher Widerspruch selbstverständlich sinnlos ist …

            Er wird auf alles zutreffen. Sei es auf die verblieben SAABs, einen SAAB-Blog, die Community oder Bredlow. Aber für den Moment finde ich es gut, wenn alle gemeinsam gucken, wie sie noch möglichst lange Spaß miteinander haben und noch möglichst lange voneinander einvernehmlich und im gegenseitigen Interesse profitieren.

            So war es gemeint. Und es gibt ja durchaus einige permanente Unterstützer des Blogs, die es offenbar ähnlich sehen? Wo sonst könnte man sein Angebot an Teilen und/oder Service enger an der Zielgruppe platzieren, als hier?




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          • 26. März 2018 um 7:09 PM
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            Das trifft den Punkt. So lange es Spaß macht ist alles im grünen Bereich!




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  • 26. März 2018 um 2:03 PM
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    Hallo Tom

    ich war am letzen Tag (Sonntag) da und an etlichen Autos hingen Schilder wie verkauft, aber auch -10% oder neuer Preis 1000€-5000€ weniger etc.. So langsam gehen die teils astronomischen Preise also wieder runter (der R5 Turbo war übrigens weg, die Saabs noch alle unverkauft)

    Nichts desto trotz scheinen noch Viele auf den „DEAL“ zu hoffen, denn neben den üblichen Verdächtigen, die man mittlerweile schon seit Jahren auf der Messe sieht (teilweise mit den gleichen Fzg.), waren auch etliche neue Händler vor Ort (aus nah und fern->Schweden z.B.). Wieviel ihre Autos trotz oben genannter Rabatte wieder mitnehmen mussten ist unklar.

    Die riesigen Markenhallen (Volvo, Landrover & Jaguar mal ausgenommen) nerven mich allerdings auch schon seit etlichen Jahren. Mittlerweile war ich schon zum 15Mal dort und am Anfang hat man nicht wirklich einen Hersteller gesehen, mittlerweile wird man von ihnen regelrecht erschlagen (BMW, Mercedes und der VW Konzern). Besonders hat man das an der Clubfläche gemrkt, die diesmal dank Umbau kpl. von VW Markenclubs belegt wurde (die anderen waren in ein Zelt bgeschoben worden). Bei Mercedes und BMW wird das Ganze ja mit in die Markenshow integriert.

    Grüße Cetak




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  • 27. März 2018 um 2:11 PM
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    War begeistert vom Saab 92B aber fuer den Preis die Man verlangt hat geht bei mir die Interesse runter.
    Aber im algemeine froh das unsere Saab Old timer auch mehr und mehr geschaetzt werden.




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  • 2. April 2018 um 8:10 PM
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    Hallo Tom!
    Habe mit großem Interesse deine beiden Artikel von der Techno Classica gelesen, unsere Lieblingsmarke zeigt wieder und noch immer Präsenz! Daher eine ganz große Bitte: darf ich deine beiden Artikel auszugsweise in der Ausgabe 1/2018 der Trollpost (Clubzeitung des österr. Saab Club) abdrucken und die Saab-Bilder verwenden (beides natürlich mit Quellenverweis)?
    Liebe Grüße, Erich




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    • 3. April 2018 um 10:07 AM
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      Lieber Erich, sehr gerne!




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      • 4. April 2018 um 8:22 PM
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        Herzlichen Dank, Tom! Ich werde dir ein Exemplar zukommen lassen. Bitte PN über FB oder Mail mit Adresse, danke!
        Liebe Grüße, Erich




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