Saab 9000. Fahrdynamik oder Dromedar?

Mittlerweile ist es Herbst. Das Anna Projekt hat einen Werkstatt-Termin in Frankfurt, die Klimaanlage leckt, was bei sommerlichen Temperaturen nicht so angenehm war. Jetzt werden auch die Dämpfer getauscht, und bei der Abholung bin ich gespannt wie ein kleiner Junge, der ein neues Spielzeug bekommen soll.

Saab 9000 Anna Projekt
Anna Projekt im Januar 2018

Unser Saab kann als Referenz gelten, wie sich 1998 ein 9k als Neuwagen angefühlt haben muss. Alle Fahrwerksteile bis auf die Federn sind mittlerweile neu, und der Saab sollte sich annähernd so fahren, als ob er frisch aus dem Showroom rollen würde.

Bereits ein flüchtiger Blick zeigt die Veränderung. Das Heck hängt jetzt nicht mehr durch, und die ersten Meter sind wirklich schockierend. Die Strassen rund um Saab Service Frankfurt entsprechen dem,  was man in der nordossetischen Provinz erwarten würde – nicht aber in der reichen EZB Stadt Frankfurt. Die Strassen sind skandalös schlecht und der Saab ungnädig hart gefedert. Ist das mein noch schaukelndes Dromedar, das mich in den letzten Jahren begleitet hat? Oder ein etwas zu straff abgestimmter Sportwagen?

Die Sache relativiert sich, als die Strassen besser werden. Der Saab fährt mit sportlichem Anspruch, gut definiert, aber nicht unangenehm. Auf der Autobahn läuft er auch bei hohem Tempo wie auf Schienen, das Heck schwingt bei Bodenwellen nicht mehr nach.

Bei Kurvenfahrt ist seine Seitenneigung extrem reduziert, und für ein 80er Jahre Projekt ist er schon ziemlich agil unterwegs. Meine Hausstrecke im Spessart, bestehend aus kleinen, kurvigen Strassen 3. und 4. Ordnung erlebt Anna jetzt ganz neu. Setzte zuvor das Fahrwerk das Limit, so sind es nun die Bremsen,  die zur Zurückhaltung mahnen.

Und ja, der 9k fährt jetzt erfrischend rustikal. Eine Mischung aus dicker, fetter Limousine und Agilität,  die man so nicht erwartet hätte. Damals, als der 9000 konstruiert wurde, galt noch der Mensch als das Maß aller Dinge. Die unverzügliche Mitteilung des Straßenzustands an den Fahrer hatte oberste Priorität. Das menschliche Interface bekam Informationen geliefert, verarbeitete sie, und konnte entscheiden. Wer mit Anna unterwegs ist, erhält in Echtzeit die Meldung,  wie erbärmlich geflickt unsere Strassen wirklich sind. Das ist analoges Autofahren, das Fahrwerk des 9k setzt die damalige Philosophie konsequent um. Schnell und sicher auf Autobahnen, mit guter Rückmeldung auf Landstrassen, aber stuckerig bei Langsamfahrt auf schlechten Wegen in der Stadt.

Leider, das ist der Lauf der Zeit, verschwinden die analogen Dinge. Aktive Fahrwerke im Verbund mit einer Armada von Assistenzsystemen entkoppeln uns immer stärker von der Umwelt. Digitale Mobilität wird das weiter perfektionieren, Autofahren wird sicherer. Im Gegenzug verschwindet unsere Fähigkeit, Dinge selbst einzuschätzen und Entscheidungen zu treffen. Die Cloud übernimmt, das menschliche Interface ist nicht mehr das Maß aller Dinge.

Nach ein paar Monaten mit dem neuen Fahrwerk ist es Zeit für eine Beurteilung. Der 9000 ist ein Auto mit einem großen Wendekreis. Man neigt dazu,  ihn deshalb als behäbig und wenig dynamisch einzuordnen. Fahrwerke, die 20 oder 30 Jahre alt sind, tragen zur Beurteilung bei. Und generell ist jedes Fahrwerk viel älter und viel verbrauchter als sein Besitzer es wahrhaben möchte.

In Wirklichkeit ist der 9000 recht dynamisch und kann mehr, als man ihm zutraut. Seine große Stärke ist die perfekte Kommunikation von Technik und Mensch. Wer Fahren ohne Computerunterstützung noch nicht verlernt hat, wird das Original Fahrwerk im ersten großen Saab zu schätzen wissen. Es eröffnet neue Horizonte, und man sieht den 9k mit anderen Augen.

Allerdings, und das soll nicht verschwiegen werden, hat auch das Saab Fahrwerk Nachteile. Vor allem auf langsamen, schlechten Strecken zeigt es die Grenzen des Konzepts. Der Saab mag es flotter, und er liebt die Autobahn.

Die Investition hat sich, auch mit  Monaten Abstand,  gelohnt. Die Montage wurde von Saab Service Frankfurt erledigt. Problemlos, mit einem gewohnt gutem Service und zu einem sehr fairen Preis. Im Moment sind die hinteren Dämpfer nicht mehr lieferbar und bei Orio als Rückstand gelistet. Es bleibt zu hoffen, dass es zu einer Nachproduktion kommt.

Das Anna Projekt ist ein Anachronismus, so wie eigentlich jedes analoge Auto. Es ist wieder ein Stück besser, und attraktiver geworden. Der Saab macht Spaß,  der bleibt. Vor allem dann, wenn man mit der Zeit vergessen hat,  was an Arbeitsleistung und Geld in das Projekt gewandert ist. Das Fahrwerk ist jetzt fast komplett neu. Einige Punkte stehen noch auf meiner Liste. Die Geschichte,  wie aus einem nicht geliebten, vernachlässigten Saab ein toller Klassiker wird, geht also in die nächste Runde.

Man darf dabei nicht vergessen, dass es sich um ein Auto handelt, das mittlerweile 20 Jahre alt ist. Da passieren Kleinigkeiten, die nicht geplant sind. Der Waschwasserbehälter, ein verbreitetes Problem, hat sich nach 2 Jahrzehnten als inkontinent abgemeldet. Skandalös, und neu gibt es ihn nicht mehr zu kaufen (Hallo Orio?). Gelöst werden muss das Problem trotzdem, denn ohne geht es nicht. Kann man die Dinger reparieren, oder ersetzt man sie lieber durch ein gebrauchtes Teil? Fortsetzung folgt.

14 Gedanken zu „Saab 9000. Fahrdynamik oder Dromedar?

  • 8. März 2018 um 1:59 PM
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    Hallo Tom,

    danke für diesen wieder spannenden Beitrag……..Du schreibst „…..alle Fahrwerksteile bis auf die Federn sind neu“….. und weiter, Saab Frankfurt hätte das alles „mit einem gewohnt gutem Service und zu einem sehr fairen Preis“ gemacht……..da ich ja auch so ein schätzchen habe und er mir nach 22 Jahren und 200000km auch etwas weich vorkommt, kannst Du mir so eine grobe Hausnummer nennen, was alles für welchen Preis gemacht wurde? Oder sollten wir dazu besser telefonieren?

    • 8. März 2018 um 3:30 PM
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      Hej Mattes, die Preishoheit liegt beim Händler. Deshalb gab es in Teil 1 nur die Listenpreise für die Teile, alles andere solltest Du bitte mit Frankfurt besprechen. Ich möchte da ungern eingreifen und Preisideen in die Welt setzen.

  • 8. März 2018 um 3:10 PM
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    „Das menschliche Interface bekam Informationen geliefert, verarbeitete sie, und konnte entscheiden. “
    Genauso will ich das, keine Möchtegern AI die Entscheidungen für mich trifft. Analog macht Spaß 🙂

  • 8. März 2018 um 4:00 PM
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    Tolles Projekt. Richtig cooler Youngtimer. Möchte ich auch

  • 8. März 2018 um 5:41 PM
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    Hintere Stoßdämpfer für SAAB 9000 nicht erhältlich ???????????????

    Habe bei https://www.mk-fahrwerkstechnik.de/ Bilsteins B6 für meinen SAAB 9-5 bekommen und gegen die original ollen Sachs gewechselt.
    Also bessere kann man nicht, auch für SAAB 9000, bekommen.

  • 8. März 2018 um 9:07 PM
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    Toller Bericht. Das Fazit für mich ist, SAABs (auch ältere) machen Spaß …

    Ihren Zeitgenossen waren sie wohl in vielen Aspekten voraus, sind vielleicht noch immer erstaunlich zeitgemäß, aber ohne Pflege ist auch ein alter SAAB natürlich nur ein altes Auto …

    Das kann man auf Anhieb nachvollziehen. Auch, dass ein 9K mit gutem Fahrwerk noch heute ein großes Vergnügen ist. Gerade zwischen diesem Auto und dessen Nachfolger scheiden sich ja die Geister. Ich mag sie beide …

    Es gibt aber genug 9K-Fahrer, die behaupten, dass der Wagen besser sei, als alles andere was SAAB bis 2010 oder gar jemals auf den Markt gebracht hätte …

    Diese Meinung kann man, muss man aber nicht teilen.

    So oder so steht unter dem Strich: das war ein verdammt gutes Auto ! ! !

    Jeder Pfleger eines 9K hat sich meiner Meinung nach einen Rentier, einen Elch und etliche Liter Blaubeersirup gratis verdient.
    Andere SAABs haben mich schon zuvor interessiert, teils auch fasziniert. Aber der 9K war es, der mich endgültig für SAAB begeistert und eingenommen hat …

    • 9. März 2018 um 8:43 AM
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      …es ging mir ähnlich, mit dem 9k wurden bei mir SAAB vom Auto zum Begleiter. Wir hatten uns bewusst gegen den 9-5 und für den 9k entschieden. Sicher gab es dann ein paar Dinge im 9-5I die besser waren auch in Autos andere Hersteller, aber vom Konzept und der Umsetzung ist der 9k für mich immer noch das Referenzfahrzeug in diese Autoklasse,…und selbst mein 9-5II kann vieles besser aber noch lang nicht alles,….in Sachen Kofferaum, Heizung, Verbrauch hat der 9k die Nase vorn…(beide jeweils aero)

      • 9. März 2018 um 4:21 PM
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        Da kann ich jeden Satz unterschreiben, das ist bei uns genau SO gelaufen!

      • 9. März 2018 um 5:58 PM
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        Ja, der Kofferraum …

        Der hat was Magisches. Klappe auf, Klappe zu. Zwei verschiedene Autos!

        Klappe zu war der 9000 seinerzeit sowas wie eine „kompakte Oberklasse“. Klappe auf ist er ein Blauwal. Vielleicht kein Wunder, dass der dt. Motorjournalismus dem 9000 nicht gerecht wurde. Es fehlte wohl einfach an passenden Schubläden und eingeübten Phrasen …

  • 9. März 2018 um 9:21 AM
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    Hallo Tom,
    ein toller Artikel, für mich gerade zur rechten Zeit.
    Weil ich einen Termin halten musste, war ich die Woche Abends von Köln nach Stuttgart mit meinem 9-5 Griffin-Kombi schneller unterwegs als üblich. Da viel mir dann auf, dass meine früheren 9000 sehr viel souveräner unterwegs waren. Ich glaube, ich sollte am Fahrwerk was machen lassen…
    Nur was? Also meine Frage: was ist an Anna am Fahrwerk (außer Dämpfern) gemacht worden? Welche Gummies habt ihr getauscht? Ich hätte nämlich gerne genau das Gerfühl beim Fahren zurück, das du so trerffend beschreibst…

    • 9. März 2018 um 10:20 AM
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      Alle in sich beweglichen Fahrwerksteile unterliegen einem Verschleiß. Kunststoffe* (spröde/brüchig) und Gummis** (porös) altern sogar im Stand und ohne Beanspruchung …

      Ein Blick unter das Auto (am besten gemeinsam in der Werkstatt des Vertrauens) hilft da weiter. Aber auch aus der Fahrzeughistorie lässt sich viel ableiten. Wie alt? Laufleistung? Was wurde wann gemacht (oder vielleicht zu lange unterlassen …)?

      */** Kunststoffteile und Gummis sind ein Reizthema. Siehe „Waschwasserbehälter“ im Artikel. Da bin ich auf die Lösung und den nächsten Artikel gespannt …

      Immerhin ist er der größte, den ich je vorgefunden habe. Mit dem 9000 kann man hunderte Kilometer durch nebelartige Mückenschwärme fahren. Aber ich schweife ab …

      Kunststoffe und Gummis sind die größte Schwachstelle meiner Chrombrille SC. Unter der Haube wurden schon 3 Teile gewechselt, die für das Motormanagement relevant sind. Außen wird sie unansehnlich, weil Gummis bröckeln. Etwa unter der Dachantenne oder an der Front …

      Bei einem Volvo 240 Kombi (Bj. ’84) musste ich (ca. ’94) den Kabelbaum für den Motorraum nachbauen, weil der Wagen ein einziger Kurzschluss war. Ansonsten tadellos. Ärgernis Kunststoff …
      Die Rezeptur der Isolierung war im Bj. ’84 wohl schon umweltfreundlich, aber noch nicht haltbar. Wie gesagt, ein Reizthema!

      Lange Rede kurzer Sinn: Guck mal unter das Auto. Da findet sich was. Mehr als 4 Stoßdämpfer, die noch nie gewechselt wurden. Dann liegt er wieder wie ein neuer auf der Straße …

    • 9. März 2018 um 11:34 AM
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      Im Prinzip wurde alles gemacht. Neue Querlenker, Stabilisatoren, Längslenker wo nötig, komplett alle Fahrwerk-Gummibuchsen neu. Ähnlich wurde es auch beim „Paul Projekt“ und beim 9-3 I Aero durchgezogen. Dabei sollte man auf gute Qualität achten. Querlenker und alle anderen Teile gab es Saab Original, wobei ich in Bamberg sehen konnte wie ein Saab-Original-Teil und ein günstige Nachbau aussieht. Da liegen vom Material Welten dazwischen! Eine vertrauenswürdige Werkstatt, die wirklich gute Teile enbaut, sollte man also an der Hand haben.
      Bei den Fahrwerksbuchsen wurde auf Experimente wie Powerflex verzichtet. Unnötig wenn das Fahrwerk im guten Zustand ist, raubt zuviel Fahrkomfort.

  • 9. März 2018 um 7:45 PM
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    Hej Tom, sehr schöner Artikel. Das SAAB-Fahrerlebnis seh ich genauso. Ich arbeite für einen großen Premium-Automobilhersteller im Süden Deutschlands und habe die Möglichkeit die neuesten Autos mit Assitenzsystemen zu fahren, freue mich aber immer wieder in einen meiner SAAB’s zu steigen und das rustikale aber „echte“ Fahrerlebnis zu genießen.

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