Saab und Bielefeld – zwei Dinge, die es nicht gibt?

Ich bin leidenschaftlicher Saabfahrer aus Bielefeld. Das sind schon zwei Eigenschaften, die von existentieller Bedeutung sind. Zum einen fahre ich ein Auto, das es de facto gar nicht mehr gibt, zumindest nicht mehr fabrikneu, und ich komme zugleich aus einer Stadt mitten im Teutoburger Wald, die es laut eines erst vor einigen Jahren entstandenen Mythos gar nicht gibt.

Saab 9-5 NG
Saab 9-5 NG

Daraus folgt: mich und meine Saabs gibt es gar nicht. Und es sollte noch schlimmer kommen. Aber dazu später mehr.

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich fasziniert von schwedischen Autos. Es war zunächst der Volvo, und hier insbesondere der Volvo 244/5, an dem ich in meinen Kindheitstagen Gefallen fand. Die Begeisterung an dieser Marke steigerte sich noch ins Unermessliche, als ich eines Tages mit einem Bekannten meines Vaters eine Spritztour auf dem Beifahrersitz seines neu erstandenen Volvo 245 mit Overdrive Technik Platz nehmen durfte und während der rasanten Fahrt auf der Autobahn aus dem Staunen nicht herauskam.

Saab 95
Erstkontakt: Saab 95

Damals ging ich in die neunte Klasse. Die Begeisterung sollte in einem der noch anstehenden Schwedenurlaube umschwenken. Mit meinen Eltern ging es wieder einmal nach Schweden in die Sommerferien mit einem Abstecher auf die Insel Öland. Auf dem Weg zum Strand sah ich ein aus meiner Sicht hässliches grünes Auto, das aussah wie eine Kombi, nicht gewollt und nicht gekonnt. Ich fand es als Kind so hässlich, – diese Hässlichkeit wurde durch das hässliche Grün noch unterstrichen – dass ich an diesem Auto, weil es eben so hässlich war, Gefallen fand. Ich musste diesen Saab 95 Kombi einfach mit meiner Pocketkamera knipsen.

Seit jenem Tag irgendwann Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre ging mir die Marke Saab nicht mehr aus dem Kopf. Auf einem späteren Schüleraustausch in England musste ich auf der Fähre unbedingt einen Schlüsselanhänger mit einem Saabemblem käuflich erwerben, dessen Abzeichen ich immer noch besitze und dessen Schrift-und Designzüge nur noch schwer zu erahnen sind.

Das Problem damals: ich hatte mein ganzes Taschengeld für andere unwichtigere Dinge verprasst und musste mir was einfallen lassen, wie ich an diesen Saab Schlüsselanhänger kommen konnte, um zuhause mit diesem Anhänger meine Affinität zu der Marke Ausdruck verleihen zu können. Mit meinen Klassenkameraden schloss ich eine Wette ab. Wenn es mir gelänge, einen Cocktail aus Öl, Essig und anderer scharfer Gewürze mit einem Zug runterzuschlucken sollte der Schlüsselanhänger meiner sein.

Saab Schlüsselanhänger
Legendär: Saab Schlüsselanhänger

Tapfer trank ich den von meinen Klassenkameraden zusammengemixten Trunk. Die Enttäuschung meiner Klassenkameraden wuchs, da ich mich wider Erwarten nicht übergeben musste und man teils anerkennend, teils widerwillig die letzten Pounds und Pennies zusammenkratzte, um mir meinen verdienten Schlüsselanhänger zu kaufen. Seither ließ mich die Marke nicht mehr los. Nach meinem Studium hatte ich leider nicht das nötige Kleingeld, um mir einen Saab leisten zu können, also startete ich mit einem bordeauxroten Ford Mondeo GLX Schrägheck – nicht gerade mein Traumauto.

Irgendwann hatte ich so viel Geld zusammen, dass ich mir einen Saab leisten konnte. Es sollte ein 93 Cabrio sein. Und ich fahre es immer noch. Mittlerweile hat er um die 188000 km auf dem Buckel und hat mich erst einmal im Stich gelassen, als kurz vor der Autobahnausfahrt Bielefeld-Zentrum der Katalysator den Geist aufgab und mich zu einer Zwangspause auf dem Randstreifen zwang. Und da der Katalysator in Bielefeld seinen Geist aufgab, in der Stadt, die es nicht gibt, war auch eigentlich der Katalysator nie kaputt, und das ist nichts im Vergleich zu dem, was Kollegen und Freunde, die im Besitz anderer Fahrzeuge sind, erleben, wenn sie ihre gerade neu erworbenen Fahrzeuge schon nach den ersten paar Tagen in die Werkstatt bringen müssen.

Die Saab Pleite traf mich wie viele andere Saabfahrer wie der Schlag. Bis heute könnte ich mir nicht vorstellen, eine andere Marke zu fahren. Die Saab Pleite hatte aber zunächst auch etwas Gutes – zumindest für mich. Durch Zufall erfuhr ich, dass ein ortsansässiges Autohaus eine LKW-Ladung fabrikneuer Saab 93 Sport Kombis in Trollhättan ersteigert hatte und in Bielefeld zum Verkauf anbot und zwar zu sehr akzeptablen Preisen. Da sie alle als Tageszulassung angeboten wurden konnte man nun einen fabrikneuen Saab erheblich günstiger gegenüber dem üblichen Neuwagenpreis kaufen.

Das sollte meine Gelegenheit sein.

Stundenlang schlich ich um die in Reih und Glied nebeneinander auf dem Vorplatz des Autohauses aufgestellten Sportkombis herum und entschied mich noch am darauffolgenden Tag für einen 93 Vector Sportkombi mit Silbermetallic Lackierung und Ledersitzen. Ich behandelte dieses Fahrzeug, das ich mir unter normalen Umständen gar nicht hätte leisten können, wie ein rohes Ei. Er wurde nur selten gefahren, sodass er in den drei Jahren in meinem Besitz nur schlappe 11000 km auf dem Tacho hatte. Ich pflegte das Auto wie Ove seine Saabs. Doch dann kam der Tag, der meine Saab Passion trüben sollte.

Bei mobile.de entdeckte ich einen gebrauchten 9-5 NG Aero Turbo6 XWD mit 300 PS und Vollausstattung. Der Preis erschien mir fair und ich vereinbarte gleich eine Probefahrt. Ein tolles Auto. Er war noch viel besser als mein Sportkombi, auch mit so viel zusätzlicher Technik, wie HUD und ein Navigationssystem und eine Verkehrsschilderkennung war auch dabei. Ich kaufte ihn und gab meinen immer noch fast fabrikneuen Saab in Zahlung. Da meine neue Errungenschaft vom Vorbesitzer nicht so gut gepflegt wurde und ich leider pingeliger mit meinen Saabs bin wie Ove, fuhr ich zum Lackierer meines Vertrauens, um einige Steinschläge und Gebrauchsspuren vom Auto fachmännisch entfernen zu lassen, damit der Turbo perfekt, ganz in Oves Sinne in der Garage und auch auf der Straße glänzen konnte.

Doch der Lackierer hatte keine guten Nachrichten. Ich musste leider erfahren, dass ich einen reparierten Unfallwagen erworben hatte, von dessen Schaden ich nichts wusste. Es war wohl jemand in die Fahrerseite gefahren und der Wagen war dilettantisch repariert worden. Der ganze Schweller unter der Lackierung war fast durchgerostet. Es folgte viel juristischer Aufwand, Nerven und Kosten um den Wagen an den Verkäufer zurückzugeben. Da dachte wohl jemand, er könne einen reparierten Unfallwagen in eine Stadt verkaufen, die es nicht gibt; es würde deshalb wohl keinem auffallen. Doch da hatte der Verkäufer die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Noch heute ärgere ich mich darüber, meinen schönen Sportkombi für einen schlecht wiederhergestellten 9-5NG in Zahlung gegeben zu haben. Das passiert mir hoffentlich auch nie wieder. Seitdem bin ich – was den Erwerb eines Saabs angeht – vorsichtiger geworden. Neben dem 93 Cabrio, das immer noch in meinem Besitz ist, fahre ich jetzt einen 25 Jahre alten Saab 900i. Mit 167000 km ist er gerade erst eingefahren und ist in einem Zustand, der sich sehen lassen kann. Er steht gut da und er gibt mir ein unwahrscheinlich gutes Fahrgefühl. Klar, er ist ganz anders als ein 95NG, aber auch er hat Charme.

Gespannt warte ich auf die saabigen Jahre, die noch vor mir liegen.

In diesem Sinne, Saabige Weihnachten.

Danke an Björn für seine Saab Story! Dafür geht eine unserer exklusiven Saab Bordmappen auf die Reise. Habt auch Ihr etwas zum Thema Saab zu erzählen?

Die Geschichte einer unvergesslichen Urlaubsreise, einer Restauration oder einer anderen Begebenheit im Leben mit der Kult Marke aus Trollhättan?

Was immer es ist, schreibt uns. Wir freuen uns darauf!

14 Gedanken zu „Saab und Bielefeld – zwei Dinge, die es nicht gibt?

  • 15. Dezember 2017 um 11:30 AM
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    sehr schön.. Gruss aus der schönsten Stadt in OWL an den 30km entfernten leeren Fleck auf der Landkarte.. 🙂

  • 15. Dezember 2017 um 11:44 AM
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    Hallo,
    ist dein neuer 900i etwa aus dem Lenkwerk? Wenn ja kenne ich ihn!
    Schöne Grüße aus MS nach BI!
    Robert

    • 15. Dezember 2017 um 4:23 PM
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      Der ist aus dem Lenkwerk 🙂

  • 15. Dezember 2017 um 2:09 PM
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    Tolle und traurige Geschichte zugleich. Aber Kopf hoch. So etwas kann passieren.
    Weihnachtliche Grüße an alle Saabfahrer

  • 15. Dezember 2017 um 3:07 PM
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    Du musst das positiv sehen. Damit bleiben dir zwei Fahrzeuge die gar nicht bis sehr wenig vom GM „Sparwahn“ betroffen sind. Das lässt hoffen, beide Fahrzeug noch lange fahren zu können. Mich hat es da fast schlimmer getroffen…ich habe ein 9-3I CV gegen einen 9-3III SC eingetauscht 🙁

  • 15. Dezember 2017 um 6:26 PM
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    Was für eine Story …

    Insbesondere die verpfuschte Reparatur des NGs mag man kaum glauben. Sakrileg!

    Das gibt’s doch gar nicht. Oder doch?

  • 15. Dezember 2017 um 7:26 PM
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    dass mit dem 9-5NG tut mir leid, ist bei so einem Auto wahrscheinlich besonders schwierig
    War wahrscheinlich kein Saab Händler bei er gekauft wurde oder?

    • 16. Dezember 2017 um 7:25 AM
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      Das kann ich ausschließen. Kein Saab-Händler.

  • 16. Dezember 2017 um 3:21 PM
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    Gemischte Gefühle hinterlässt deine Story Björn. Schön dass du weiterhin an Saab fest halten kannst, obwohl du da eine ganz miese Erfahrung gemacht hast. Saab kann ja eigentlich nichts dafür.
    Weiterhin viel Freude am Saab Fahren und frohe Festtage!

  • 18. Dezember 2017 um 6:42 AM
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    Wie ärgerlich. Der 9-5NG dürfte wohl nicht nur mir längere Zeit bekannt sein. Inzwischen ist der Wagen ja wieder inseriert, einiges günstiger, ein Halter mehr und vor allem mit dem Zusatz „reparierter Unfallschaden“. Irgendwie hatte ich eine Vorahnung, dass der wagen aufgrund eines mangels wieder an den Händler ging. Da muss wohl jemand Kriminelles unter den Vorbesitzern gewesen sein. wie schade, denn der Wagen hat ja eine wirklich tolle Ausstattung. Hast Du Deinen 9-3SC damals beim Sternenhändler gekauft ? Die ganze Wiese stand ja damals voller Saabs, welche schnell einen neuen Besitzer fanden. Mir war damals nur der Hintergrund unklar, ich nehme an, die Tachos standen auf schwedische Meilen, richtig ? Also z.B. keine 1.000 KM, sondern 10.000 Km…. Sah aber beeindruckend aus… wenige hundert Meter weiter lag das SZ in den letzten Zügen.

    • 21. Dezember 2017 um 7:52 PM
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      Der Saab 9-3 SC stand tatsächlich vor ganz vielen Sternen und ließ diese sehr blaß aussehen. Er war für den schwedischen Markt produziert und hatte ein Bordmanual in schwedischer Sprache. Dem Auto trauere ich sehr hinterher….aber aus Fehlern lernt man ja auch;-)

      • 22. Dezember 2017 um 1:26 AM
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        Ja, dann stand ich schon mal vor Deinem SC. Die waren preislich wirklich interessant. Im Seitenfenster klebte auch ein für den schwedischen Markt gedachter Aufkleber, ich meine es stand Assistans drauf oder etwas in der Richtung, ist schon zu lange her…

  • 19. Dezember 2017 um 12:09 AM
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    Sehr emotionale Geschichte. Auch wenn meine Erfahrungen erst vier Jahre andauern… Was tut man nicht alles für seine SAAB-Leidenschaft? Trotz getrübter Erlebnisse, jedes der vier Exemplare war/ist ein Hingucker! 99er Grüße aus dem benachbarten Steinhagen!

  • 23. Dezember 2017 um 12:22 PM
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    Hallo bin ein Saab Fan und Fahrers eines Cabrios 9.3 V6 Bj.2007 aus Detmold Gibt es in Bielefeld evtl. einen Saab Club

    Lg Andreas Wedderwille ( Kontakt andreas.wedderwille@t-online.de)

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