Gerüchte und Chinesische Verhältnisse

Ein Gerücht. Und was für eines ! Am Freitag verbreitete es sich in Windeseile in den Medien. NEVS würde, so der Inhalt, in Trollhättan wieder Autos bauen – und das bereits im 2. Quartal 2018. Eine Geschichte, zu gut,  um wahr zu sein. Die lokale Zeitung brachte es exklusiv als Bezahl-Artikel.

NEVS Trollhattan
NEVS Trollhättan

Und auch internationale, renommierte Magazine wie die Automotive News sprangen auf den Zug auf. Zu diesem Zeitpunkt war das Gerücht freilich schon längst wieder einkassiert. Der Auslöser, ein missverständliches Bloomberg-Interview mit NEVS Gründer Kai Johan Jiang, war längst korrigiert. Dort waren aus Autoteilen, die NEVS in Schweden herzustellen plant, komplette Autos geworden.

Die Windeseile, in der die Geschichte um die Welt ging, zeigte zwei Dinge. Zum Einen, dass selbst renommierte Medien in einer extrem hektischen Welt Nachrichten ungeprüft übernehmen. Eine Nachfrage bei der Quelle, eine Rückversicherung findet nicht mehr statt. Zum Anderen ist da das Saab Phänomen. Eigentlich ein Unding, dass es die Marke immer noch in die Schlagzeilen schafft. Ein Wunder wird ersehnt, und man spürt immer noch die Hoffnung auf das Unmögliche.

NEVS demontiert Anlagen und schafft sie nach China

Die Realität aber ist so trist wie es schwedische Wintertage sind. In der alten Saab-Fabrik können keine Autos mehr gebaut werden. NEVS, chronisch unterkapitalisiert, demontiert Werkzeuge und Teile im Karosserie- und Lackierwerk und schafft,  was verwertbar ist,  nach China. Im Gespräch mit Saab Legende Olle Granlund vor einem Jahr kamen wir auf genau diesen Punkt zu sprechen. Er rechnete damit, dass die Chinesen in der Stallbacka Demontage betreiben würden. Ich aber hielt dagegen. Denn wer würde alte, gebrauchte Werkzeuge demontieren, die bereits für mehrere 100.000 Fahrzeuge genutzt wurden, um sie für eine neue Produktion in China zu verwenden?

Das war einmal, so dachte ich. Vor vielen Jahren. Als Steinzeit-Kommunisten deutsche Fabriken kauften und nach China verschifften. Die Zündapp-Produktion landete so in den 80er Jahren ebenfalls in Tianjin. Geschichte wiederholt sich nicht. Tut sie aber doch !

Granlund lag richtig. Ich falsch.

Für die alte Saab-Fabrik ist jetzt erst einmal das Ende erreicht. Niemand mehr wird den magischen, roten Knopf drücken können, keiner mehr eine Produktion starten. Die Verhältnisse sind geklärt,  und in dieser Dekade wird nichts mehr passieren. Es sei denn,  es geschieht ein Wunder, die Eigentümer wechseln oder was auch immer. Aber Wunder finden selbst um die Weihnachtszeit selten statt.

China will den Markt der weltweiten Mobilität beherrschen. Das ist das erklärte Ziel. Bei Volvo reagieren die Chinesen umsichtig. Aber sie sind agressiv. Nach Volvo kam London Taxi, Lotus, Anteile von Proton, eine skandinavische Bank und die neue Marke Lynk & Co in die chinesische Einkaufstasche. Der Appetit auf mehr ist damit noch lange nicht gestillt. Geely soll Daimler Avancen machen und möchte als Groß-Aktionär einsteigen. Daimler wehrt sich. Noch…

Chinesische Verhältnisse

Aber nicht immer wachsen chinesische Bäume in den Himmel. NEVS erinnert an die brachiale Tour der 80er Jahre und versucht es mit alten Werkzeugen und teilweise alter Technik. Nicht viel besser ist es um die Rückkehr der ehemaligen Tradtions-Marke Borgward bestellt. Als Untote neu geboren klebt das ehemals stolze Logo auf chinesischen Produkten. Das Comeback in China stottert, die Marke verbrennt viel Geld. Der Absatz stockt, entgegen dem Markt-Trend. Borgward Eigentümer Foton hat sich vielleicht verhoben und  ist in Verhandlung mit Investoren. Ein kompletter Verkauf wird nicht ausgeschlossen.

In Deutschland ist, ausser großen Ankündigungen, bisher nichts zu sehen. Sixt sollte die ersten Borgward BX7 im Dezember vermarkten, und das Grundstück für das Montagewerk in Bremen ist immer noch nicht gekauft. Auch die Investitionen in Stuttgart stocken.

Grund sollen die Behörden in China sein, die den Geldtransfer in das Ausland kontrollieren. Sie überwachen den Abfluss von Devisen in das Ausland. Ein Umstand,  den wir kennen, der aber bei Borgward überrascht. Denn im Gegensatz zu NEVS, ein Unternehmen mit teilweise privater Eigentümer-Struktur, gehört Foton zu BAIC. Und BAIC ist ein chinesischer Staatskonzern.

13 Gedanken zu „Gerüchte und Chinesische Verhältnisse

  • 12. Dezember 2017 um 3:27 PM
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    Na nun ist die Katze ja aus dem Sack. Wie schon in der Vergangenheit sind die Chinesen nur an dem Knoff Hoff westlicher technischer Überlegenheit interessiert. Selbst wenn die Produktionsanlagen von Saab schon alt sind, sind sie immer noch gut und besser als chinesische Eigenentwicklungen (siehe Crashtests mit chinesischen Eigenentwicklungen) Hier ging es nur um Wissenstransfer. Sonst nichts.

    • 12. Dezember 2017 um 4:22 PM
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      Man möchte logischerweise mit der Produktion von Elektroautomobilen (erstmal NEVS 9-3) auf dem dafür erfolgversprechendsten Markt – nämlich China – beginnen. Also benötigt man hierzu die entsprechenden Werkzeuge und schafft sie dort hin.

      Bei guter Geschäftsentwicklung und ggf. gesteigerter Nachfrage von umweltfreundlichen Fahrzeugen in Europa könnte vermutlich für neue Modellreihen mit neuen Werkzeugen auch Trollhättan als Produktionsstandort doch noch interessant werden.

      Die bisherige Vorgehensweise von NEVS überrascht mich eigentlich nicht wirklich.

  • 12. Dezember 2017 um 4:06 PM
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    Don’t shoot the messenger …

    Wie immer, auch für diese Nachrichten vielen Dank!
    Längst nicht mehr unerwartet, trotzdem unschön, aber eben doch interessant und mal wieder gut geschrieben.

  • 12. Dezember 2017 um 4:51 PM
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    So zerplatzt die Hoffnung an der chin. Realität.
    Wer aber mit diesen alten Produktionsplattformen die automobile Welt erobern möchte, erschließt sich mir nicht.
    Interessanter Artikel, danke Tom.

  • 12. Dezember 2017 um 7:02 PM
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    Typisch NEVS , Lärm machen, damit jeder weiss, dass sie noch Leben. Furchtbarer Verein. .

  • 12. Dezember 2017 um 9:41 PM
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    Nun ja die Werkzeuge in einem Presswerk sind halt die Formen für die Blechteile und wenn ich in China den 9-3 im Presswerk formen will nehme ich die Werkzeuge und die späreren Aufnahmen für die Lackierung mit. Bedeutet mal nicht so viel und scheint weit entfernt davon zu sein Maschinen abzubauen. Eher das vermutlich das dortige Presswerk fast fertig ist. Der Wechsel der Presswerkzeuge ist eine Angelegenheit von Minuten incl. Anfahren der Pressen nach dem Wechsel. Da kann ich nicht so viel Schimmes erkennen, außer das dann der 9-3 nicht mehr in Schweden gebaut wird und das Orio die Blechersatzteile wohl zukünftig auch in China pressen lassen muß. Die Werkzeuge für die Karosse (9-3=Übergangs- bzw.Auslaufmodel) noch mal bauen zu lassen wäre wahrlich ökonomischer Unsinn. Selbst in D werden die Presswerkzeuge(die dem Fahrzeughersteller gehören) den Zulieferen nur zur Verfügung gestellt und nach dem Auslaufen des Models abgeholt und eingelagert.

    Trotzdem Schade das es für Schweden nix Neues gibt, eigentlich wäre die Fabrik für Auftragsfertigung zu gebrauchen, ….hat da ein Herr Musk nicht grad Probleme ein Gewisses Model in Serie zu bauen?

    • 13. Dezember 2017 um 9:33 AM
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      Interessantes zum Thema Pressen …

      Aber wie viel Wert NEVS auf das SAAB-Erbe legt, hat man ja schon daran gesehen, dass Ersatzteilgeschäft und Service nicht fortgeführt/nicht übernommen wurden.

      Man wird sehen, ob überhaupt und ggf. zu welchen Konditionen Orio künftig noch Karosserieteile anbieten kann, die dann Made in China sein werden.

      Und die Hoffnung, man könnte „nur“ die Presswerkzeuge ausschiffen, erschließt sich mir ganz und gar nicht. Es macht überhaupt keinen Sinn, fertig lackierte Rohkarossen und Karosserieteile aufwändig zu verpacken und gegen Kratzer zu schützen, mehrfach verladen und nach einer aufwändigen Transportkette in Trollhättan manuell auspacken zu müssen.

      Nein, wenn NEVS jemals Autos baut, dann erfolgt das erstens vollständig in China und diese Autos haben zweitens rein gar nix damit zu tun, was ein echter SAAB Modelljahr 2019 oder 2020 wäre.

      Man gucke sich bitte die SAAB-Geschichte an. Funktionalität, Alltagstauglichkeit, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit, Qualität und technische Innovationen sind Kennzeichen der Entwicklungsgeschichte. NEVS ist da, gelinde gesagt, mehr als genügsam.

      Im Gegensatz dazu sind die finanzielle und die Wachstumsvision des Unternehmens unersättlich. Fertigung und Vertrieb sind gänzlich auf die günstigen Produktionskosten, staatlichen Vorteile und auf den wachsenden Markt in China ausgerichtet.

      Weder darf die schwedische Belegschaft auf Fertigung am Heimatstandort hoffen, noch wir auf ein Auto, welches im Mindesten von Interesse für einen SAAB-Fahrer sein könnte …

      Just my 2 cents.

      • 13. Dezember 2017 um 9:57 AM
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        Hallo Herr Hürsch,
        besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
        Viele Grüße an alle Saabfahrer.

      • 13. Dezember 2017 um 12:21 PM
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        ich denke hier werden ein paar Sachen vermischt, das NEVS unsere Hoffnungen nicht erfüllt ist klar…,

        Die Werkzeuge zum Pressen von Karosserieteilen sind tonnenschwere Formstück der Kosten für eine Blechteil wohl in die hundertausende Euro geht. Diese werden je nach gewünschter Blechteilmenge für Stunden, Schicht oder Tage in die eignentliche Pressmaschine eingebaut und formen dann die Blechteile. Und ich denke diese Teile + Vorrichtungen zum Transport und Lakierung für die gepressten (und später verschweißten) Komponenten werden nach China gepracht. 1. weil sie teuer sind, 2.weil es einfach ist die abzubauen und zu transportieren und 3. weil in Schweden der 9-3 wohl nie wieder gebaut wird und die Werkzeuge dort einfach nicht mehr gebraucht werden(außer für unsere Ersatzteile!).

        Der andere Punkt, fertige Karossen zu transportieren war wohl der frühere Plan, wie Tom geschrieben hat. Geht aber nicht da es dann kein chinesischer 9-3ev ist. Also musste das Presswerk in China entstehen. Man kann auch Pressen abbauen und umziehen lassen, das ist aber ein ganz andere Aufwand als nur die Werkzeuge mitzunehmen und dauert viel länger da die Pressen dann meist vom Hersteller überhohlt werden. Auch haben neuere Pressen einen bessere Wirtschaftlichkeit.

        Im übrigen werden oder wurden auch in D fertig lackierte Karossen zur Endmontage durch die Gegend gefahren.

        Und über das was, wenn überhaupt, in China jemals vom Band purtzelt äußere ich mich wenn es soweit ist. Fakt ist das selbst ganz neue Premiumfahrzeuge funktionelle Mängel haben die ich von meine SAABen nicht kenne.

        • 13. Dezember 2017 um 2:45 PM
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          Die Frage wird sein was wirklich alles in den kommenden Monaten nach China verschifft wird. NEVS wird versuchen, wo immer möglich, Kosten zu drücken und Anlagen aus der Stallbacka zu verwenden. Noch ist Tianjin weit von der Fertigstellung entfernt, es wird 2018 spannend werden. Die Herausforderungen sind:

          – Fertigstellung des Werks mit Presswerk und Lackierstrasse
          – Umwandlung der vorliegenden, nicht verbindlichen Bestellungen, in verbindliche Aufträge mit Lieferspezifikation und Preis.
          – Start der Serienfertigung

          Punkt 1 und 3 wird mit viel Bedarf an Liquidität in nur wenigen Monaten verbunden sein. Und bisher scheiterte man zuverlässig an viel niedrigeren Hürden. Schafft man es doch, dann ist man einen kleinen Schritt weiter.

    • 13. Dezember 2017 um 10:40 AM
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      Sehr Interessant was Sie hier fragen; wo kommen die Blechersatzteilen den Orio liefert her wen diese Werkzeugen nach China gehen? Vieleicht sehr interessant diese Frage an Orio vor zu legen.

  • 14. Dezember 2017 um 3:57 PM
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    Meine Theorie Steht:

    NEVS zieht nach China

    Trollhättan wird Verkauft

    SAAB AB (haben einen Einstieg als Automobillieferer angekündigt) übernimmt das Werk

    Schrittb1 ist schon mal erreicht 😀

    • 14. Dezember 2017 um 5:26 PM
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      Besmir; das ist ein Traumszenario!!

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