Ein Blick in die NEVS Elektroauto-Fabrik in Tianjin

Die Welt scheint voller Elektroauto-Startups zu sein. Im wöchentlichen Takt kündigen sich neue  Hersteller an, es wird langsam inflationär. Darunter finden wir prominente und unerwartete Namen. Wie den Staubsaugerproduzent Dyson, der mehr als 2 Milliarden € in die Elektroauto-Entwicklung investieren möchte.

Produktionsanlage. Photo Credit: NEVS

Oder Alcraft Motor. Ein Startup mit Wurzeln, die britischer nicht sein könnten. Ein Teil der Gründer kommt von der ehrwürdigen Morgan Motor Company. Und wenn es denn sein muss, dass wir in Zukunft Elektroauto fahren sollen, dann bitte so. Mit so viel Stil, und in einem Alcraft GT.

Ganz klar – nur die wenigsten Startups werden überleben. Und nicht Jedes nutzt den Vorteil seiner Wurzeln. So wie NEVS, das die Möglichkeit hatte,  auf die einzigartige Geschichte einer legendären Marke aufzubauen. Der Stoff für eine ganz besondere Geschichte war und ist da. Genutzt wurde er nicht. Von Versprechen und Ankündigungen blieb nichts übrig, im Gegenteil. In der Stallbacka kämpft das Management einen einsamen, harten Existenzkampf.

Im Gegensatz zu früheren Saab Zeiten läuft dies aber ohne Fan-Basis und Unterstützung von aussen. Keine Konvois, keine Aufrufe in den sozialen Medien. Man schaut interessiert, aber ohne Empathie und mit kaltem Blick auf das, was geschieht.

NEVS R&D Center Trollhättan. Die Schreibtische verwaisen.

In Schweden scheint die Lage geklärt. Zumindest was die Mitarbeiter angeht, denn sie entscheiden selbst, wo sie ihre Zukunft sehen. Das Resultat: Die leeren Schreibtische im R&D Center werden Woche für Woche mehr. Das betrifft nicht nur die auf Projektbasis arbeitenden Consultants, die komplett NEVS verlassen haben. Auch unter den Festanstellungen entscheiden sich immer mehr Entwickler für eine Zukunft jenseits der alten Saab Gebäude.

Das Startup hofft durch die Kooperation mit DiDi auf Liquidität und auf Zukunft. Die kürzlich vereinbarte Zusammenarbeit ist ein Hoffnungsschimmer, nicht mehr ! Jenseits von Schweden bereitet man sich schon auf die Zukunft vor. Die Vorserienproduktion des NEVS 9-3 EV soll in wenigen Wochen starten. Was mit Blick auf die Probleme in Trollhättan seltsam erscheinen mag, ist durchaus nachvollziehbar. Ein greifbares, vielleicht sogar gut gemachtes Produkt und eine Produktion könnten die Glaubwürdigkeit und den Wert des Elektroauto-Startups erhöhen.

Elektroauto-Vorserien Produktion in der chinesischen “Frickeboa”?

Das Werk in Tianjin selbst ist noch weit von der Produktionsreife entfernt. Aber wie in Trollhättan, so existiert im asiatischen R&D Center eine chinesische Version der legendären “Frickeboa“. Eine separate Produktionsstrasse, wo Fahrzeuge weitgehend in Handarbeit montiert werden könnten. 200 Mitarbeiter beschäftigt das NEVS R&D Center in Tianjin, unter Umständen könnten sie bald mit der Produktion der Vorserien Elektroautos beginnen.

Die Karosserieteile dazu müssen aus Schweden kommen. In Trollhättan werden dazu Blechteile hergestellt und nach China verschickt. Die Bilder des Rundgangs durch die chinesische Fabrik, aufgenommen im September 2017, zeigt eine seltsame Leere. Das Karosseriewerk mit seinen großen Pressen fehlt noch, aber man entdeckt bekannte Komponenten. Saab Felgen, den Torso einer 9-3 Karosserie, und ein Blick auf die Technik der Elektroautos. Vor 12 Monaten durften wir diese Details noch nicht fotografieren, in China stellt NEVS sie online.

Es sind interessante Details aus der Entwicklung eines Startups, das schwedisch und einzigartig hätte sein können, sich aber für China entschied. Und das immer noch eine ungewisse Zukunft vor sich hat.

9 Gedanken zu „Ein Blick in die NEVS Elektroauto-Fabrik in Tianjin

  • 9. November 2017 um 11:27 AM
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    Der Werdegang wird durch die Bildstrecken etwas deutlicher. Man sollte einfach weiterhin abwarten, wie sich die Produktion von Fahrzeugen entwickelt – vielleicht gibt es neben den chinesischen Fahrzeugserien doch noch Elektrofahrzeuge “made in trollhättan” für den europäischen Markt.

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  • 9. November 2017 um 12:15 PM
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    Danke Tom für diesen Artikel. NEVS soll endlich die sinnlos blockierten Trollhättaner Kapazitäten verkaufen und einen Briefkasten in Trollhättan mit deren Namen hinhängen (damit Sie Ihrem Namen “New Electric Vehicle Sweden” beibehalten können).

    Anbei noch ein Interessanter Artikel von dem uns bekannten Bob Lutz (eigentlich ist ja NEVS nicht ganz auf dem Holzweg) :

    http://www.autonews.com/article/20171105/INDUSTRY_REDESIGNED/171109944/bob-lutz:-kiss-the-good-times-goodbye

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    • 9. November 2017 um 12:27 PM
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      Von der Theorie her lag NEVS immer richtig. Die hätten das Zeug zum europäischen Elektroauto Pionier gehabt. Aber eben nur von der Theorie her 😉
      Der Bob Lutz Artikel ist erstklassig. Kann man zu 100% unterschreiben. Das ist die Zukunft.

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  • 9. November 2017 um 2:33 PM
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    Habe mir auch den Artikel von Bob Lutz “angetan”. Hochinteressant und vom theoretisch logischen Szenario her wird die Reise wohl auch wirklich in die von Lutz beschriebene Richtung gehen. Der Gestaltungsspielraum für die klassischen Automobilbauer wird sich in den kommenden 10 Jahren rasant verkleinern. Leute, deren Blut zu mehr als 50% aus Benzin besteht, werden, selbst wenn sie vielleicht glänzende “Old School Autoingenieure” sind, diese Entwicklung nicht mehr begleiten können. Diese z. T. automobiltechnisch hochversierten Leute ahnen natürlich auch, dass sie bereits heute zu “Fossilien” mutiert sind, können aber aufgrund ihrer Sozialisation in der alten Autowelt, die von Lutz geschilderte Revolution trotzdem nicht mehr begleiten oder gar gestalten. Das ist zwar tragisch, aber nicht mehr zurückzudrehen.

    Diese neue Art von “teilindividueller” Mobilität können sich heute auch noch viele ganz normale Autofahrer nicht wirklich vorstellen. Aber auch sie ahnen, dass sich in den kommenden 10 Jahren gewaltig was ändert.

    Als Normalbürger, der auch noch in der Welt der Verbrennungsmotoren zu verorten ist, sollte man noch eine Weile seine fossilen Spritfresser weiter fahren, denn vielleicht ist ja ein überhasteter pansicher Umstieg auf ein Akkuauto (kein Hybrid!!!) auch nur eine Interimslösung.

    Die Vision, daß wir vielleicht schon in 20 bis 25 Jahren in “modularen Kabinenzügen” völlig autonom von A nach B bewegt werden, ist m. E. keine wirre Science Fiction sondern der wirkliche Umbruch in Bezug auf die persönliche Mobilität.

    Auch so ein Pionier wie Tesla wäre in dieser Welt bald obsolet. Logistikunternehmen und andere Pioniere, die wir jetzt noch gar nicht kennen, werden dann vorn sein und den Ton angeben.

    Mein neuestes Auto ist zehn Jahre alt und mein ältestes knappe 20. Da sollte man einfach erstmal abwarten, so günstig wie möglich tanken und sich über gelegentlich staufreie Straßen freuen.

    Alles wird gut!

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  • 9. November 2017 um 5:01 PM
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    Sehr gute Info. Danke. Aber es zeigt wieder die Unfähigkeit von NEVS. Man kann nur neidisch nach Volvo und Landrover schauen.

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    • 10. November 2017 um 11:53 AM
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      So richtig tolle “Umweltautos” haben die aber auch nicht zu bieten!!!

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  • 14. November 2017 um 8:46 AM
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    Möglicherweise werden wir da noch einige Überraschungen erleben, und es werden Firmen auf dem Akkuschlürfermarkt auftauchen mit denen wir wirklich nicht gerechnet haben. Bukki hat zum Bsp. Logistikunternehmen erwähnt. Kuck sich doch einer mal die deutsche Post an. Die bauen sich kurzerhand ihre E-Transporter einfach selber und bringen nun eine “zivile” Version davon auf den Markt für jedermann. Dyson finde ich auch spannend, wer weiss, ich glaube in grauer Vorzeit gab es auch schon mal Autos und Motorräder von Miele. Mich wundert eigentlich warum nicht mehr Elektro bzw. Elektronikkonzerne sich dieses Themas annehmen. Siemens zum Beispiel baut ja schon lange Elektrofahrzeuge, aber eben nur auf Schienen. Wäre sicherlich spannend und brächte wieder viel Farbe in die Fahrzeuglandschaft wenn es in Zukunft Panasonic, Sony, Bosch, Siemens oder Philips Fahrzeuge auf den Straßen geben würde

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