Design. Das Saab Cockpit im Laufe der Zeit

Design und Ergonomie. Sicherheitsdenken. Das sind feste Bestandteile der Saab DNA. Nirgendwo kann man das ständige Streben nach Perfektion der Bedienbarkeit besser erleben als im Cockpit eines Saabs. Stellvertretend für alle Saabs erfolgt heute eine Tour durch die Mittelklasse. Bereit zur Zeitreise?

Sachlicher Flugzeugbau. Saab Mittelklasse 1970. Bild: Saab Automobile AB

Saab 99 1970. Der Vordenker

Saab betritt mit dem 99 erstmals die Mittelklasse. Die Designer Sixten Sason und Björn Envall machen sich Gedanken. Sie legen bereits in den 60 Jahren den Grundstein für mehr als 40 Jahre Saab Cockpit Design. Weiße Ziffern auf schwarzem Grund, das sind Erfahrungswerte aus dem Flugzeugbau. Das Armaturenbrett ist gepolstert, die Bedienelemente sind klar angeordnet. In der Mitte die Instrumente, rechts Heizung, links das Lichtzentrum. Klare Regeln werden definiert. Das wird so bleiben bis 2011.

Und dann das Zündschloß. Es sitzt auf dem Mitteltunnel. Warum? Weil es logisch ist. Saab denkt mit und Saab kommt zu folgender Erkentnis: Die rechte Hand greift den Gurt, befestigt ihn im Schloß, nimmt den Gang heraus, dreht das Zündschloß, legt den Gang ein, löst die Handbremse. Das sind 5 Arbeitsgänge, erledigt mit einer Handbewegung. Das ist genial…wird aber vom Rest der Welt nicht verstanden.

Warum muss das Zündschloss in der Mitte sein? Weil man 5 Arbeitsschritte mit einem Handgriff erledigen kann. Bild: Saab Automobile AB

Also einfacher. Warum sitzt das Zündschloss auf dem Mitteltunnel? Zwei Antworten: Weil der Schlüssel dann nicht die Kniescheibe bedroht, wenn es zum Unfall kommt. Oder weil es auch eine Diebstahlsperre ist. Der Schlüssel lässt sich nur bei eingelegtem Rückwärtsgang abziehen.

Die Evolution im Saab 900. Bild: Saab Automobile AB
Saab 900 1986. Der Revolutionär.

Der 99 geht, der 900 kommt 1978. Dieser ist im Prinzip nur ein verlängerter 99, aber das ist egal. Saab revolutioniert das Cockpit Design. Aus einem Brett wird ein zum Fahrer hin geschwungenes Cockpit. Saab hat die ideale Grundform gefunden und wird sie die kommenden Jahrzehnte weiter evolutionieren.

Vieles,  was damals erdacht wurde, wird Jahrzehnte später noch Gültigkeit besitzen. Drehgriffe statt Schieberegler für Licht und Kimatisierung, der Hinweis den Gurt anzulegen. Alles bleibt logisch in Griffweite des Fahrers angeordnet. Ein Handbuch braucht man nicht. Wer in einen Saab steigt, findet sich auf Anhieb zurecht – wenn er zuvor das Zündschloss gefunden hat.

Saab 9-3 2001. Perfektion im Detail. Bild: Saab Automobile AB
Saab 9-3 2001. Evolutionär.

GM steigt 1990 bei Saab ein, doch das Design des 900 II ist schon vorher fertiggestellt. Ausserdem steht die Kommunikation zwischen Flugzeugingenieuren und Autokonstrukteuren immer noch. Die Zeiten haben sich geändert. Autos werden immer leistungsfähiger, aus simplen Radios werden Soundsysteme, Bordcomputer ziehen ein. Mit dem 900 II und 9-3 liefert Saab das beste Cockpit seiner Zeit.

Das Night Panel oder Black Panel kommt direkt aus dem Flugzeugbau. Beim Nachtflug blendet es nicht benötigte Anzeigen aus. Das entlastet die Augen, begünstigt die Sehfähigkeit in der Dunkelheit. Genial ! Aber so richtig verstanden hat es damals kaum einer. Wie auch den asymetrischen Tacho. Er erleichtert das Einhalten von Limits in relevanten Geschwindigkeitsbereichen. Das gibt es nur bei Saab.

Der Bordcomputer zieht mit dem 900 II auch in die Saab Mittelklasse ein. Er findet seinen Platz im oberen Teil des Armaturenbretts und sitzt damit direkt im Sichtfeld des Fahrers. Auch im 900 II und 9-3 I braucht man kein Handbuch. Alles ist logisch angeordnet. Die Bedientasten sind groß genug, dass ein finnischer Holzfäller sie auch im Winter mit Handschuhen bedienen kann. Perfektion im Detail. Das ändert sich mit dem 9-3 II.

SID als HUD. Und der Krieg der Knöpfe im Saab 9-3. Bild: Saab Automobile AB
Saab 9-3 2002. Saab Cockpit Evolution mit Schwächen. Teil 1.

Man kann gute Dinge durchaus noch besser machen, zum Beispiel das SID, den Saab Bordcomputer, noch direkter im Sichtfeld des Fahrers platzieren. Saab hats getan. Das SID und die Anzeige der Navigation finden sich jetzt auf dem Armaturenbrett. Damit nutzt Saab das “Fern-Sehen”, der Fahrer muss seinen Blick nicht mehr von der Strasse nehmen, um Informationen abzulesen. Das ist Flugzeugbau und eine Art Mittelalter-HUD, erdacht von Flugzeugingenieuren.

Sonst aber macht Saab Vieles weniger gut. GM hat Saab komplett übernommen, die Marke steckt in der Krise. Saab soll jetzt wie BMW sein – was nicht funktionieren wird. Wohin der Weg führen soll, zeigt das Design. Ein wilder Krieg der Knöpfe tobt im Cockpit. Das sieht mit Nachtbetrieb gigantisch aus, aber die Bedienbarkeit leidet. Der Umfang der Bordliteratur nimmt zu, die Probleme ebenso. Erstmals kommt ein Navigationssystem in der Saab Mittelklasse. Ein ganz dunkles Kapitel der Geschichte nimmt seinen Lauf.

Das System, von Saab selbst entwickelt, hat keine Kompatibilität mit anderen Bauteilen im GM Konzern, wie die Bus-Architektur im 9-3. Saab versenkt enorme Summen, verbaut dafür billigstes GM Plastik im Innenraum. Zu allem Überfluss zeichnet sich das Navigations- und Multimediasystem vor allem durch Unzuverlässigkeit aus.

Genervte Saab 9-3 II Fahrer setzten, auch hier kommt der Pragmatismus aus dem Flugzeugbau durch, auf redundante Systeme. Ein teures, fest eingebautes Premiumsystem von Saab. Ein billiges, Portables im Handschuhfach, falls das eigentliche System streikt. Und das tut es oft.

Sachlichkeit zieht ein. Saab 9-3 2007. Bild: Saab Automobile AB
Saab 9-3 2007. Saab Cockpit Evolution mit Schwächen II

Irgendwann reicht es GM. Die Amerikaner haben genug vom schwedischen Sonderweg und entrümpeln den 9-3. Das Bussystem verschwindet, das selbst entwickelte Navi kommt auf den Müll. Dafür ziehen Bauteile aus dem Konzernregal ein – und Zuverlässigkeit.

Saab besinnt sich wieder auf die Wurzeln und macht das Beste daraus. Das Krieg der Sterne – Cockpit wird ausrangiert, und im GM Regal findet man überraschenderweise Komponenten, die hervorragend zur Marke passen. Klare, skandinavische Strukturen ziehen ein. Man findet sich ab sofort erneut ohne Handbuch zurecht; Weniger kann auch mehr sein. Leider opfert Saab das SID auf dem Armaturenbrett dem Fortschritt. Schade !

Das Cockpit hat immer noch seine Ursprungsform. Die Einteilung der Bedienzonen ist im Grunde so, wie es Björn Envall und Sixten Sason vor Jahrzehnten gewollt haben. Und die Designsprache zieht sich über den 901, 902, 9-3 in die Gegenwart. Wo gibt es das? Nur bei Saab.

Leider hat die Evolution eine Schwäche. Auch 5 Jahre nach der Premiere des 9-3 II kommt das Cockpit nicht an die Perfektion früherer Tage heran. Das Armaturenbrett hat jetzt einen silbernen Zierstreifen. Sinnloses Dekor, das weder Sason noch Envall geduldet hätten. Es spiegelt in der Windschutzscheibe, nicht wenige Kunden rüsten mit einem Hirsch Armaturenbrett auf die perfekte Lösung um.

Nach fast 10 Jahren. Im 9-3 Griffin löst Saab das Cockpit Problem. Bild: Saab Automobile AB
Saab 9-3 “Griffin” 2011. Das Finale.

Manche Menschen halten den 9-3 Griffin für ein Produkt der Spyker Zeit. Ist er aber nicht, die finale 9-3 Auflage war bereits fertig, als Spyker Saab übernahm. Und nach fast 10 Jahren wurde gut, was lange nicht perfekt war. Das 2007er Cockpit wurde mit neuem Dekor aufgerüstet, ohne die Grundform zu verändern. Der sinnlose silberne Dekorstreifen war Geschichte, auch im Serienzustand spiegelte nichts mehr in der Windschutzscheibe.

Saab hatte das 9-3 II Cockpit-Problem erfolgreich gelöst. Nach fast einem Jahrzehnt, was auch auf die Zerrissenheit der Marke in den GM Jahren schließen lässt. Leider war zu diesem Zeitpunkt auch die Geschichte von Saab am Ende angekommen. Es gab nur Verlierer. GM hatte seine einzige europäische Premiummarke verloren, Schweden seine spannendste Automarke. Es wäre interessant gewesen, den weiteren Verlauf der Entwicklung zu sehen.

14 Gedanken zu „Design. Das Saab Cockpit im Laufe der Zeit

  • 26. September 2017 um 10:49 AM
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    Warum überhaupt fahre ich SAAB?
    Fühle ich mich mit und in dem Auto wohl?
    Wäre mir nicht in dem einen oder anderen noch wohler zumute?

    Wenn man mal Zweifel am SAAB-fahren bekommen sollte, einfach einen von Toms Artikeln lesen …
    (Und die Bilder dazu genießen!)

    Sofort fällt einem wieder ein, was man in und mit anderen Autos schon erlebt und wieder verdrängt hat. Etwa eine Nachtfahrt, bei der man im Wortsinn und sprichwörtlich rot gesehen hat. Anzeigen und Beleuchtung, die aggressiv und nervös machen.

    Eigentlich unfassbar, was manche Autos ihren Fahrern zumuten.

    • 27. September 2017 um 10:10 PM
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      kann ich 100% zustimmen!!!

  • 26. September 2017 um 11:02 AM
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    “Das Armaturenbrett hat jetzt einen silbernen Zierstreifen. Sinnloses Dekor, das weder Sason noch Envall geduldet hätten.”
    Einen silbernen Zierstreifen ums cockpit gab es auch im alten 900 schon…

    • 26. September 2017 um 11:55 AM
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      Mit dem Unterschied, dass der niemals in der Scheibe spiegelte. Während rund 500.000 Kilometern hat er mich nie gestört. Form follows function…
      Beim 9-3 ist er aber äussert dämlich platziert. Da wollte man vermutlich an den 900 anknüpfen, aber hat nicht funktioniert.

    • 26. September 2017 um 12:06 PM
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      Es geht um sinnloses Dekor, das die Funktionalität beeinträchtigen könnte.

  • 26. September 2017 um 12:03 PM
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    … genau das ist einer der Hauptgründe, warum ich meinen aktuellen 2011´er Saab so liebe – das immer noch sehr gut gestaltete “Cockpit” und da besonders die Mittelkonsole (mit Schaltern und Drehknöpfen für wichtige Sachen).

    Das war auch schon bei unseren früheren 9000´ern und 9-5´ern so.

    Und das hat mich damals als Knirps beim allerersten Kontakt mit einem Saab (hielt den schwarzen, innenbelederten neuen 900 Turbo 16V unseres Bekannten aufgrund der “komischen Form” für irgendsoeine eigenartige veraltete Ostblock-Karre) auch schon irgendwie begeistert.

  • 26. September 2017 um 5:41 PM
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    Für mich auch heute noch eines der schönsten und funktionalsten Cockpits: Das des 9000. Einziger Dämpfer ist die vielleicht nicht ganz so oberklassige Materialwahl. Da hätte man mit der Einführung des CS mal nachbessern können.

    • 26. September 2017 um 6:03 PM
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      … und nicht zu vergessen, den (sorry für den folgenden Begriff) geilen Automatik-Hebel! 🙂

    • 28. September 2017 um 9:48 AM
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      Dennoch sind die Materialien beim 9k immer noch besser als alles was danach kam. Bei Saab wurde mit der Zeit irgendwie alles “billiger”. Das Cockpit z.B. in der Chrombrille wirkt wie in einer Hobbywerkstatt selbst zusammengezimmert. Gibt es eigentlich 9-3II/III die nicht irgendwie aus dem Cockpit knacken, knarzen oder brummen? Kenne ich weder aus 901, 9k bzw. 9-3I.

  • 26. September 2017 um 7:17 PM
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    Wir haben ja zwei 9-3, einen Baujahr 2006 Vorfacelift mit dem alten Navi und einen Baujahr 2010 und muss sagen, ich finde beide Cockpits schön, funktionial und sehr übersichtlich.Die Verspielungen in den neuen Autos schauen im Autohaus lustig aus, aber im wirklichen Alltagsleben ist das nicht mehr so schön. Die silberne Leiste im neuen 9-3 hat mich noch nie gestört, ich finde die sogar schön, es wertet den Innenraum dezent auf.
    Aber das Nightpanel möchte ich nicht mehr missen, ohne dem möchte ich und mein Vater nicht mehr fahren. Im alten 9-3 hatte man schon fast ein Head Up Display mit den Navipfeilen am oberen SID und unten war alles ganz dunkel, beim neuen bleibt leider ein wenig mehr Licht auf dem Radio. Dennoch war das eine Nightpanel eine Supererfindung die leider so nirgends zu finden ist

    • 27. September 2017 um 10:09 PM
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      Hab mal gelesen das der DS5 (ehemals Citroën)eine Art Nachtpanel hat….

  • 28. September 2017 um 7:51 AM
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    Es fehlt das ab 1971 im 99 verbaute und bis 1987 im 90er gelieferte holzstreifen-Cockpit, welche die saab lüftungsdüsen einführt, ab 1973 die Fasten belts leuchte usw…

    • 28. September 2017 um 7:42 PM
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      Mir fehlt hier in der Aufzählung das Cockpit des 9-5. In meinem derzeitigen 9-3 gefällt es mir nicht besonders, auf diesen umlaufenden silbernen Zierat könnte ich verzichten.

      • 29. September 2017 um 9:41 AM
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        In dem Artikel ging es nur um die “kleine” Baureihe von Saab. Kein 9000, keine 9-5.

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