Ein Mittsommerwochenende in Schweden. Teil 2.

Ein paar Tage lang hatte ich die Hoffnung, daß die Reparatur zustande kommt. Mattias sagte, sie würde mehrere Wochen dauern. Ein Spezialist sei gekommen, der den Wert des Wagens auf 100.000 kr geschätzt habe.

Die Chrombrille nach dem Unfall

Aber es gab auch Schwierigkeiten: Die Buckel auf dem Dach waren ein Problem. Um sie auszubeulen, muss man erst das gebogene Heckfenster in der Nähe (ein schönes Design-Detail dieses Fahrzeugs) entfernen. Das wieder einzusetzen, ist allerdings schwierig. Es muß bei hoher Temperatur in einem Spezialverfahren geklebt werden und dabei geht es wegen der gebogenen Form oft kaputt.

Neue Scheiben sind nicht mehr verfügbar, also wäre ggf. ein gebrauchtes Ersatzteil erforderlich gewesen, mit Tönung ab Werk. Sind Grilldekorleisten in Griffin-Matt verfügbar? Ja, er fand sie. Aber gegen Ende der Woche war es klar: Der Kostenvoranschlag für die Reparatur belief sich auf 78,000 kr. Und die Versicherung schätzte den Restwert des Autos auf 79,000 kr. Das heißt “inlösen”, also die Versicherung zahlt mich aus (72,000 kr nach Abzug der Selbstbeteiligung) und behält das Auto.

An diesem Punkt werden sich viele Leser wundern, die das schwedische Autoversicherungssystem nicht kennen, so wie ich zu dem Zeitpunkt. Kann ich nicht einfach die Schadenssumme ausgezahlt bekommen und dann den Wagen unter eigener Regie reparieren lassen? Nein, nicht in Schweden. Die Versicherungen wollen Kontrolle darüber haben, daß Unfallfahrzeuge professionell repariert werden, und Reparaturen werden nur bei anerkannten Werkstätten durchgeführt, die häufig kontrolliert werden. Die Versicherungen befürchten, daß ansonsten bei schlampig oder teilweise reparierten Fahrzeugen das Unfallrisiko höher ist, oder daß Unfälle schwerere Folgen haben als nach korrekt ausgeführten Reparaturen.

Und Unfallschäden werden nur dann repariert, wenn die Kosten dafür deutlich geringer sind als der Restwert. Ist das nicht der Fall, dann zahlt die Versicherung dem Kunden den Restwert aus und verkauft das Auto an einen Autoverwerter, der es zerlegt und die Ersatzteile anbietet (das Fahrzeug reparieren und als Ganzes verkaufen darf der Autoverwerter nicht). Hätte ich das Fahrzeug wieder an mich genommen und die Reparatur auf eigene Kosten ausführen lassen, dann hätte ich es wohl in Schweden nicht mehr versichern können. Im Ausland vielleicht, aber da kommen noch die Transportkosten hinzu: Ca 1,500 Złoty nach Polen, hinzu kommen 10,000 – 15,000 Złoty für die Reparatur nach meiner Schätzung.

Nicht gerechnet die Zeit und Energie für die Koordination einer solchen Reparatur (inkl. Beschaffung gebrauchter Ersatzteile aus Schweden) bis auf Quasi-Neuzustand ohne die “Schummelei”, die in manchen Werkstätten üblich ist.

In der Woche darauf fuhr ich mit Robert nach Växjö. Wir sprachen noch einmal mit Mattias. Natürlich war es für ihn auch schade, dass der Wagen nicht repariert wurde. Der Kostenvoranschlag kostet ihn einige Arbeitsstunden, für die die Versicherung nichts bezahlt. Die Reparatur wäre für die Firma ein relativ großer Auftrag gewesen, mit zahlreichen Arbeitsstunden – und der Wagen hätte wieder wie neu ausgesehen. Ich konnte nur noch einige persönliche Gegenstände aus dem Auto herausnehmen: Der Kindersitz, die beiden Hundegitter, die Betriebsanleitung auf Polnisch, sechs CDs aus dem Wechsler und ein paar andere Dinge.

Und Adieu, KNT180! Positives Denken ist angesagt. Andere Leute werden sich freuen, wenn sie auf bildelsbasen.se nach Ersatzteilen für ihren 9-5 suchen und fündig werden. Ein perfekt laufender Dieselmotor samt Automatikgetriebe und viele andere nützliche Teile.

Was nun – ein neuer Saab? Natürlich hatte ich schon in der Woche davor zahlreiche Blocket-Anzeigen studiert und auch einige Händler kontaktiert. Andererseits – so ein unvorhergesehenes Ereignis in meinem Leben ist auch eine Chance, etwas neu auszurichten. Im Moment sind wir dabei, ein Haus zu kaufen. Das erfordert nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Energie. Ein Zweitwagen oder “Hobbyauto”, wie es der Saab war, ist dann erstmal zweitrangig.

Hätte ich den Saab wegen des Hauses verkauft? Sicherlich nicht. Nun ist er aber weg, und ich habe mich entschieden, vorerst keinen neuen zu kaufen. Eine rationale Entscheidung – die Entscheidung, den Saab letztes Jahr zu kaufen, war eher emotional.

Andere Aspekte kommen hinzu. Würde ich wieder einen Diesel kaufen? Vermutlich nicht – die schwedische Verkehrsbehörde hat Pläne, daß ab 2020 nur noch Euro 6-Diesel oder Benziner mit Baujahr jünger als 2009 in Stockholm fahren dürfen (Hybrid- und Elektroautos natürlich auch, und die werden dann die einzigen sein, die in die Altstadt fahren dürfen), und das ist nur der Anfang. Will ich ein Auto kaufen, das im Heimatland wohl bald Fahrverboten ausgesetzt sein wird? Eher nicht.

Würde ich mir stattdessen einen BioPower-Benziner kaufen? Vielleicht, aber dabei stört mich der deutlich höhere Treibstoffverbrauch (es reicht, die Werksangaben im Katalog zu vergleichen), und das bei 68 Liter Tankinhalt statt 72 Liter beim TiD. Der Aero mit 75-Liter-Tank kommt für mich nicht in Frage – er war in Schweden nicht als Griffin verfügbar und der 260-PS-Motor braucht teures 98-Oktan-Benzin und läuft nicht mit Biokraftstoff. Was ist mit dem CO2-Ausstoß? 246 – 251 g/km für die BioPower-Motoren, 204 g/km für den 1.9 TiD mit Automatik, aber nur 109 g/km für unseren Volvo V50 DRIVe, den wir nun für unseren Urlaub im September benutzen werden.

Ja, der Saab 9-5 SC ist wohl schöner als der Volvo V50, er ist auch der komfortablere Reisewagen, der Motor macht zusammen mit dem Automatikgetriebe viel Spaß, aber der Volvo verschmutzt die Umwelt deutlich weniger.

Hinzu kommt das Risiko, falls wieder mal ein Unfall passieren sollte. Ist der Wagen in Schweden angemeldet, würde er nach einem größeren Unfall vermutlich wieder einkassiert. Ist er in Polen angemeldet, dann sähe es anders aus. Dort ist allerdings der 9-5 sehr selten (9-3 sieht man sehr viel häufiger) und der Restwert dürfte dementsprechend niedrig eingeschätzt werden. Wie auch immer – der Saab ist nicht mehr da und wir werden ihn vermissen.

Seit Februar 2016 sind wir damit über 25.000 km gefahren und haben in dieser Zeit so einige Überraschungen erlebt – gute und schlechte. Mehrere Male nach Deutschland, letzten Sommer nach Südtirol, im Winter in die schwedischen Berge, und dieses Jahr nach Trollhättan. Aber wer weiß – es muß nicht ein Abschied für immer sein. Vielleicht kommt der nächste Saab früher, als wir denken!

Auf jeden Fall möchte ich allen Leuten danken, die meine ersten beiden Artikel und weitere Beiträge gelesen und kommentiert haben. Danke für das Interesse und ich hoffe, daß niemandem so ein Unfall passiert, wie ich ihn am 25. Juni 2017 erlebt habe. Dieses Jahr gab es in Schweden bereits 29,486 Wildunfälle (Quelle: viltolycka.se), davon 2,063 mit Elchen und 2,354 mit Wildschweinen; der Rest mit Rehen. Hat man die Wahl zwischen verschiedenen Routen, dann sollte man besser solche vermeiden, die durch größere Waldgebiete führen. Diese Wahl hatte ich, und ich werde mich in Zukunft anders entscheiden und noch vorsichtiger fahren, wenn ich doch einmal durch Waldgebiete fahren muß.

15 Gedanken zu „Ein Mittsommerwochenende in Schweden. Teil 2.

  • 28. Juli 2017 um 12:55 PM
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    Nur gut das SAABe für solche Unfälle konzipiert sind und Dir nichts passiert ist. Wie schnell warst Du? Mich haben im Juni 2 Pferde mit dem 9-7x erwischt und auch er hat seinen Job gut gemacht!

    • 28. Juli 2017 um 6:45 PM
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      Ich weiß nicht mehr, wie schnell ich unterwegs war. Aber da ich nicht weit zurückgehen mußte, bis ich den Elch im Straßengraben fand, glaube ich nicht, das ich schneller als die erlaubten 90 km/h war. Zum Glück – bei hoher Geschwindigkeit wäre ich mir nicht sicher, ob die Windschutzscheibe dem Aufprall standhält.

  • 28. Juli 2017 um 1:07 PM
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    Ich glaube, wenn man 100.000 Stück SAAB 9-5 OG Kombi BioPower mit gehobener Ausstatung bauen würde, dann könnte man den Posten binnen 3 Monate verkaufen, sofern der Preis stimmt … die Welt braucht wieder SAABs !

    • 28. Juli 2017 um 10:05 PM
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      Das ist eine interessante These! Und ich glaube auch Sie ist richtig. Ich würde jedenfalls einen neuen bestellen! Mein 9-5 Kombi aus 2000 war das beste Auto was ich je hatte! Wenn interessiert denn schon so ein Unfug wie CO2 Ausstoß?!

  • 28. Juli 2017 um 3:56 PM
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    Ich war auch schon gespannt auf Deinen zweiten Teil.
    Schade um den Saab, aber er hat mal wieder perfekt geschützt. Ein Elch ist ja kein Reh und den hat er wirklich toll weggesteckt – Respekt!
    Ich kann das gut nachvollziehen, mein 9000 hat letzten Herbst ganz knapp gegen einen großen Dammhirsch gewonnen. Das ging versicherungsmäßig grade so gut aus und nach mühsamer Teilebeschaffung war er nach sieben Wochen wieder auf der Straße :-).

    Hoffentlich findest Du irgendwann einen Ersatz und mach Dir nicht so viele Gedanken um ein paar Gramm CO2. Mit diesen Laborwerten werden wir die Welt nicht retten, da müsste man an ganz anderen Punkten ansetzen.

  • 28. Juli 2017 um 4:56 PM
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    Danke für den Kommentar. Umweltaspekte sind mir schon wichtig und da wir den Vergleich in der Familie haben (Volvo V50 und Saab 9-5), denke ich häufiger daran. Allerdings kann man evtl. auch ältere Autos in Zukunft umweltschonender fahren, z.B. forscht der schwedische Mineralölkonzern Preem intensiv an “erneuerbaren Treibstoffen”, denen schon seit ein paar Jahren ein immer grösserer Anteil von Ölen aus Holzabfällen (schwedische Holzindustrie) zugesetzt wird. Ein BioPower-Motor kann also durchaus eine gute Wahl sein. Ein Diesel allerdings auch – sollten denn irgendwann die sich abzeichnenden Fahrverbote auf Basis der gesamten Umweltbelastung durch ein Fahrzeug entschieden werden (CO2, Feinstaub etc.), nicht nur auf Basis von Stickoxiden. Ältere Autos wie Saab zu fahren hat auch andere Aspekte, z.B. ist Auto-Mobilität ja auch ein Teil unserer Kultur und in einem immer monotoner werdenden Straßenbild ist es schön, mal etwas Anderes zu sehen.

    • 31. Juli 2017 um 11:36 AM
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      “Der Aero mit 75-Liter-Tank (…) läuft nicht mit Biokraftstoff.”

      Maptun bietet doch BioPower-Conversion für den AERO an …
      Stage 1 kostet nicht viel. Neben der E85-Tauglichkeit bekommt 10 PS mehr und 420 Nm max. Drehmoment.

      • 31. Juli 2017 um 8:24 PM
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        OK wusste ich nicht, danke für den Hinweis! Allerdings wäre der Aero-Motor wohl dennoch nicht interessant für mich, da er (zumindest in Schweden) für die Griffin-Edition nicht mehr angeboten wurde. Und sollte ich mir mal wieder einen 9-5 kaufen, dann nur Griffin, wegen der Frontzierelemente in Matt-Chrom (und, weil die Vector-Griffin-Felgen wohl die schönsten für dieses Auto sind). Ein zweites Problem ist das Aero-Lenkrad ab MY 2006, mit diesen silbernen Plastikelementen drumherum, halte ich auch für eine Designkatastrophe – meiner Leder statt Plastik, was gut aussah.

        • 1. August 2017 um 1:14 PM
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          Na ja,

          Felgen, Lenkräder und Chromleisten könnte man ja nach und nach tauschen …

          Es landen ja leider immer mehr 9-5 beim Verwerter und der nächste Elch könnte gleich hinter der nächsten Kurve stehen …

          Bin erstaunt, dass jemand in Schweden MapTun bzw. deren Bio-Power-Conversion nicht kennt.

          Sollte in Schweden bekannter als Hirsch sein. BioPower war oder ist (?) in Schweden ja ein deutlich höher gegangenes Thema als in Deutschland.

          • 1. August 2017 um 1:53 PM
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            Ja, MapTun kenne ich durchaus vom Namen. Hab mich aber nie besonders interessiert für diese Firmen. Wir hatten auch bei unserem Saab nie die Notwendigkeit eines Hirsch-Updates (oder von anderen Firmen) gesehen. Haben den Wagen schonend gefahren, und wenn mal schnell überholt werden mußte, dann hatte der TiD genug Kraft auch mit der Werkssoftware.

            Wg Austausch von Teilen – mit mir eher nicht, abgesehen von Originalfelgen. Will lieber den Wagen im Originalzustand behalten, so, wie er die Fabrik verlassen hat. Und es gibt ja in Schweden genug Saab-Auswahl. Aber, die meisten Aero-Cartiers haben leider das Lenkrad mit Plastikumrandung (viele Vectors auch). Und Griffin-Zierleisten gehören eben nur an Griffin-Modelle, finde ich.

          • 1. August 2017 um 11:08 PM
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            Wenn die Auswahl groß genug ist, dann ist doch gut ! ! !

            Ich muss da was falsch verstanden haben, nämlich als hätte jeder 9-5 irgendwie einen Haken, weshalb er nicht (mehr) in Frage käme …

            Daher die Hinweise auf mögliche Problemlösungen. So aber wünsche ich einfach viel Erfolg bei der Suche nach dem Nächsten und dem Richtigen.

            Der Letzte hat ja einen guten Job gemacht!

  • 28. Juli 2017 um 11:04 PM
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    Ja, das ist jetzt aber schade um den Saab. Nach dem Lesen des ersten Artikels hatte ich an so ein Ende gar nicht gedacht. Allerdings war mir das schwedische Versicherungsrecht auch so nicht bekannt. Wieder etwas gelernt. Den Umweltgedanken, den Du/Sie so intensiv verfolgst ist sehr lobenswert. Volvo ist mit Sicherheit kein schlechter Autohersteller, aber der Vergleich Saab 9-5 / V50 hinkt doch. Das sind doch schon unterschiedliche Fahrzeugklassen. Meine Meinung dazu ist, dass das Flugzeug eine (Ober-)Klasse besser ist. Den Bogen jetzt abschließend zu Deinem/Euren Eigenheim geschlagen, kann ich Deine/Ihre Handlungsweise wieder voll verstehen. Diese Zeit liegt auch hinter mir und man kann sein Geld nur ein Mal ausgeben.
    Alles Gute! (und hoffentlich bald wieder einen Saab)

    • 29. Juli 2017 um 8:53 PM
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      Ja, sicherlich ist der Saab 9-5 eine Fahrzeugklasse höher als der Volvo V50. Der V50 ist eher mit dem 9-3 vergleichbar. Allerdings ist der 9-5 meiner Ansicht nicht so praktisch und geräumig wie andere Kombis seiner Grösse; die Zuladung ist auch relativ gering. Das waren alles für uns keine Probleme, aber es bedeutet nur, dass im praktischen Einsatz (z.B. mehrwöchiger Sommerurlaub) der 9-5 kaum mehr Platz bietet als der V50. Man kann auch die Herstellerangaben vergleichen: Kofferraum ist 416 l (9-5) vs 417 l (V50) – bei umgeklappten Rücksitzen sieht es allerdings besser aus für den 9-5; 1490 l vs. 1307 l. Aber dennoch, wie ich auch im Artikel schrieb, der Saab ist der komfortablere Reisewagen.

  • 30. Juli 2017 um 10:59 AM
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    1987 hatte Ich das “Vergnügen“ in Norwegen , kurz vor der schwedischen Grenze, mit einer Elchkuh .
    Das Tier kam von links und eh ich reagieren konnte war es geschehen.
    Mein lindgrüner SAAB 900 TURBO BJ 1979, hatte die Elchkuh geschafft!
    Den SAAB allerdings auch. Ich stieg irritiert aus dem Wagen und sah einen stark verbeulten SAAB.
    Das Auto wurde später nach Kiel überführt und ich habe Ihn da gelassen 🙁

  • 7. August 2017 um 1:01 PM
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    So es scheint das Wildtieren die Anzahl von uebrichbleibende Saabs in Scandinavia sehr runter fahren. Schade !!!

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