Automobile Monokultur ist niemals gut

Skandale erschüttern die Grundfeste der deutschen Autoindustrie. Zuerst Dieselgate, nun angebliche Kartellrechtsverstöße. Das Grauen nimmt keine Ende,  und eine Schlüsselindustrie unseres Landes steht am Scheideweg. Begonnen hatte es aber schon vor vielen Jahren.

Der mediale Zustand der Autoindustrie

Was wir jetzt erleben ist ein Ergebnis automobiler Monokultur. Diese Entwicklung war absehbar, denn sie bahnte sich schleichend ihren Weg.  In den 80er und frühen 90er Jahren war die europäische Autowelt noch in Ordnung. Es herrschte Vielfalt und Wettbewerb. Nationale Hersteller dominierten die Märkte, auch wenn Zeichen der Schwäche schon klar zu erkennen waren.

Das Scheitern der Anderen legte das Fundament für automobile Monokultur.

Zuerst hatte es die Briten erwischt. Ihre großen Marken waren schon lange im Niedergang begriffen, und sie waren ein Vorzeichen für das, was kommen würde. In Italien florierte damals noch ein spannender Gemischtwarenladen mit Lancia, Innocenti, Fiat, Alfa, Maserati, De Tomaso, Lamborghini und Ferrari. Sie produzierten Autos für jeden Geschmack, jede Lebenslange und passend für jeden Geldbeutel. Das Ergebnis schwankte, je nach Marke, zwischen Genialität und Wahnsinn oder Schlamperei und Präzision. Italien konnte einfach alles, je nach Landesteil und aktueller Gemütslage.

Heute ist die italienische Autoindustrie nur noch ein Schatten früherer Größe. Innocenti gibt es nicht mehr, Lancia ist in Schönheit verblichen, De Tomaso ist nur noch eine Fussnote der Geschichte. Fiat arbeitet sich an Kleinwagen ab, Lamborghini ist deutsch, nur noch Maserati und Ferrari punkten im Luxussegment. Alles andere ist schwierig, wie Alfa Romeo beweist. Das Comeback bleibt weit hinter den Erwartungen. Vielleicht auch,  weil die Marke jetzt mit deutschen Tugenden zu punkten versucht.

Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel

Während Italien langsam unterging, wuchs die deutsche Dominanz. Porsche, Audi, VW, Mercedes und BMW dominieren heute ganze Marktsegmente. Damit kam die große Monokultur,  und Wettbewerb fand nicht mehr statt. Wem es seltsam erschien, dass Innovationen nach wenigen Monaten auch bei anderen deutschen Marken zu finden waren, der bekam letzten Freitag die Erklärung. Der Spiegel enthüllte mutmassliche Verstösse gegen das Kartellrecht. In Arbeitsgruppen besprachen die großen 5 ihre Innovationen und stellten sicher, dass keine Marke sich von der anderen technologisch zu weit entfernen durfte.

Wenn die Recherchen des Spiegels zutreffend sind, Selbstanzeigen von VW und Daimler legen das nahe, dann wurde automobiler Fortschritt über Jahre be- und verhindert. Zu Lasten des Kunden, zu Gunsten der Gewinne der Konzerne. Ein Skandal erster Güte, aber nur möglich geworden durch Dominanz und Monokultur.

Automobile Monokultur, aber Hoffnung für die Zukunft.

Doch es gibt Hoffnung. Kleine Hersteller wie Lancia, Saab, Innocenti und die ungezählten britischen Marken werden in absehbarer Zeit keine Wiedergeburt feiern. Und die vielen neuen Anbieter aus China werden wohl niemals zurückbringen,  was verloren ging. Ihre Fahrzeuge sind eine Ansammlung von Komponenten internationaler Zulieferer. Unverwechselbaren Charakter darf bei dieser Melange keiner erwarten.

Das Licht der Hoffnung flackert jenseits des Rheins. Die Franzosen kämpfen, immerhin, und sie wollen die Märkte nicht der Monokultur überlassen. Der PSA Konzern versucht das DS Label als neue Premium Marke zu etablieren. Ein schwieriger, langer und steiniger Weg. Zurück zu der Größe und Bedeutung, wo man mit Citroen vor Jahrzehnten bereits einmal war. Dazu kommt die Übernahme von Opel. Sie könnte eine Bereicherung bringen – wahrscheinlicher aber eine Bereinigung, wenn der PSA Konzern die Ex-GM Marke auf mittlere Sicht entsorgen wird.

Renault belebt die Marke Alpine neu. Die erste Edition der Neuauflage des A110 war im Handumdrehen  ausverkauft, den 2018er Jahrgang darf man gegen Anzahlung vorbestellen. Ein SUV, ähnlich dem Porsche Macan, ist auf dem Weg. Mehr Autokultur aus Frankreich kann dem Markt nur gut tun.

Für Deutschland hängt viel an der Zukunft der Autoindustrie. Die Kartellrechtsverstöße und der Diesel Skandal werden uns noch lange beschäftigen. Und er wird Spuren hinterlassen. Die werden sich in Bilanzen und Marktanteilen niederschlagen. Im besten Fall in kleinen, homöopathischen Dosierungen. Wenn es schlimm kommt, dann mit einem langfristigen Niedergang.

Krisen sind Chancen und eine Gelegenheit zur Rückbesinnung. Auf alte Stärken, Markenwerte, Charakter, Innovation und echte Konkurrenz untereinander. Auf das Ende von Monokultur und Langeweile !  Dann besteht die Möglichkeit,  stärker denn je aus der Krise hervorzugehen.

17 Gedanken zu „Automobile Monokultur ist niemals gut

  • 25. Juli 2017 um 12:24 PM
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    VOLVO hat genau im richtigen Moment die Abkehr vom Diesel verkündet. Mal schauen ob aufgrund der Schwäche der Deutschen jetzt nicht doch noch jemand die aus Dieselskandal etc unbelastete Marke SAAB neu belebt..

  • 25. Juli 2017 um 1:04 PM
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    Die Deutschen Autozeitschriften tun ihr übriges dazu. Alles muss immer irgendwie mit VW verglichen werden. Wer dann immer Gewinnt wissen wir ja. Dabei gibt es ja nun wirklich nichts langweiligeres als einen Golf oder Passat. Alle die dabei aus der Reihe fallen werden platt gemacht. Beim Kunde muss als erstes ein Umdenken einsetzten sonst ändert sich nichts.

    • 25. Juli 2017 um 2:46 PM
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      Zitat: Beim Kunde muss als erstes ein Umdenken einsetzten sonst ändert sich nichts.
      Wie wahr!
      Wie (leider) wahr…
      Warum nur auf diese Art und Weise wahr???

      Wer interessiert ist weiss, dass wir Menschen z. Zt. mehrere Planten Erde benötigen, um langfristig alle Bewohner so zu befriedigen, wie wir jetzt in Europa leben. Das wird also nicht funktionieren.
      Bei Monopolisten steht z. Zt. immer der Profit deutlich mehr im Vordergrund, als die Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. Diese Gedankenwelt der Konzernlenker zu verändern…, da habe ich z. Zt. meine Zweifel. Und ich habe auch meine Zweifel, ob der “Markt” über den Kunden dazu fähig ist…

      • 25. Juli 2017 um 2:48 PM
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        Negativbespiele gibt es aus anderen Lebensbereichen ja genug:
        -industrielle Fleischproduktion mit div. negativen “Begleiterscheinungen”…
        -Geflügelproduktion mit antibiotischer “Grundversorgung”…
        -Getreide mit Resistenzen gegen Pilzbefall macht gerade “die Runde”…
        -SUV statt spritsparsame PKW´s …
        -Wasser wird Privatisiert…
        Bespiele, wo wir als Menschen handeln können, um den “Markt” in eine andere Richtung zu drehen.
        Aber gelingt uns das???
        Ich wünsche mir einen staatlichen Eingriff in das Handelssystem, bei dem Gesundheit keine Randnotiz ist, sondern ein Hauptzweck!

        • 25. Juli 2017 um 6:20 PM
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          Schön geschrieben Bergziege!
          Und gute Beispiele. Wenn man die einschlägigen Sendungen über die Lebensmittelindustrie sieht, wird einem schlecht und man weiß langsam kaum noch, was man bedenkenlos essen kann.
          Bei den Autos ist es einfacher, sollte man denken. Aber wie Bajuware richtig schreibt, funktioniert der Kunde nicht.
          Den deutschen “möchte-gern-Premiumprodukten” wird außerdem nahezu alles verziehen, egal ob Steuerketten bei VW, Ölverbrauch bei VW/AUDI, durchgerostete Sterne…die meisten meinen immer noch, sie hätten Premium. Aber es gibt inzwischen eben auch eine große Anzahl von Privatkäufern, die sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen, wie die letzten Zulassungsstatistiken beschreiben.
          Den Leasingkunden ist das alles egal, die bekommen tolle Angebote und sind die Kiste schnell wieder los. Wenn so die Zukunftsmobilität – egal, ob elektrisch oder konventionell – aussehen soll, schönen Dank…

          Vor diesem neuen Skandal bekommt das Wort “Einheitsbrei” auf den Straßen eine ganz neue Bedeutung 🙂
          Vielleicht sollte man mal unter die hässlichen Bleche der SUVs sehen, ob da nicht überall das gleiche drunter steckt?
          Würde das Geld-Drucken für die Autoindustrie vereinfachen.

      • 25. Juli 2017 um 2:52 PM
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        Der Kunde ist sicher nicht dazu fähig. Sieh der schwach….. SUV Boom. Braucht niemand, vernichtet Sprit ohne Ende, und wird gekauft wie verrückt.

  • 25. Juli 2017 um 2:49 PM
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    Denn ohne Gesundheit ist ALLES nichts.
    (kein so postiver Kommentar geworden… 🙁 , aber mein “Mitleid” mit der Autoindustrie hält sich in Grenzen…)

    Sollte an sich ein Beitrag werden… 😉

  • 25. Juli 2017 um 2:50 PM
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    PSA wird Opel ausschlachten und dann vom Markt nehmen. Die Dauer-Verlust-Marke, mit den 1000 Ausreden warum der Laden nicht läuft, wird von den Franzosen nicht so geduldig durchgefüttert werden wie von den Amerikanern. Neumann bekommt seine Millionen Prämie, die Mitarbeiter so nach und nach blaue Briefe. So ist die Welt.

  • 25. Juli 2017 um 11:30 PM
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    Traurig ist das unter dem Druck der großen 5 auch immer die Zulieferer zu leiden haben. Hat man bisher die Preise für Teile, Komponenten und Produktionsmaschinen bis zum Erbrechen heruntergehandelt werden aufgrund der neuerlichen Vorwürfe weitere Rückstellungen gemacht. Investitionen stehen deshalb in Zukunft in den Sternen. Und die Zulieferer baden es wieder aus. Traurig!

  • 26. Juli 2017 um 11:43 AM
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    Der Audi A2 3L und Lupo 3L hatten vor 17 Jahren einen kleinen Schalter “ECO an/aus”.
    Bei “ECO an” waren 45 PS aktiviert, Verbrauch und Emissionen sehr niedrig, danach wurde besteuert.
    Man konnte “ECO aus” stellen, hatte 60 PS, Emissionen und Verbrauch waren höher. Trotzdem waren keine Steuern nachzuzahlen.
    Das machte Schule. Viele Autos folgten mit Schaltern “ECO/NORMAL/SPORT”. Verbrauchs- / Emissionsmessungen und Besteuerung erfolgten im ECO-Modus. Jeder Fahrer konnte aber selbst auf SPORT stellen, dadurch mehr verbrauchen, mehr emittieren und keine Steuern dafür zahlen.
    Anschließend hat die Software diese Umstellung selbständig erledigt. Und zum Schluss dann ECO-ECO” nur auf dem Prüfstand eingeschaltet.
    An welcher Stelle beginnt wem gegenüber der Betrug? Der kleine Schalter vor 17 Jahren bereits, oder erst die heimliche Software?

    • 26. Juli 2017 um 6:09 PM
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      Ein Audi Q7-e-tron läuft elektrisch 20-30Km weit, danach knallt der Schrank richtig Sprit durch und bekommt – ich wollte es auch erst nicht glauben – ein E-Kennzeichen und zahlt keine Steuern!!?

      Diese mafiösen Vernetzungen reichen also bis ganz oben.

  • 26. Juli 2017 um 3:24 PM
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    Es ist wie im richtigen Leben, der Kunde entscheidet! Und anscheinend wollen die “Kunden” das! Die ( teilweise sehr gute ) Werbung tut ein übriges dazu und so kauft man/frau halt wieder einen ” da weiss man was man hat ” Karren.
    Es gab mal Alternativen, SAAB, aber wo sind die heute? Schade, einfach nur schade.

  • 27. Juli 2017 um 12:36 PM
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    Es wird noch spannend, wie die Händler mit den Auswirkungen des Kartells überleben können, wenn die ganzen Firmen Leasing Dieselkisten mit viel zu hohem Restwert auf die Höfe rollen.

    Ich sehe Volvo auf einem deutlich besseren Weg für die nächsten 2-3 Jahre als die deutschen Hersteller.

    Ideologie hin oder her, die Politik muss eingreifen, es hängen zuviele Arbeitsplätze an der Automobilindustrie. Nur muss endlich Kompetenz auf den Ministersessel.

    • 27. Juli 2017 um 1:16 PM
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      Da werden wohl einige Betriebe Magenschmerzen haben. Oder der Hersteller fängt die Restwert-Differenz auf?

  • 27. Juli 2017 um 3:00 PM
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    Ein Gutes hat der ganze Kram.

    Je mehr Mist auf dem Sektor passiert oder publik wird, desto wohler fühlt man sich mit seinem SAAB.

  • 27. Juli 2017 um 7:19 PM
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    Finde ich auch, sollen doch die anderen ihren auf MQB basis angefertigten VW oder mit Billigteilen zusammengeschusterten Mercedes fahren. Dieses wetteifern hat nichts mehr mit der alten stärke beider Marken zu tun (Golf 2 oder der. W124).

    Da bin ich auch froh einen mit liebe gebauten SAAB zu fahren

  • 2. August 2017 um 12:39 PM
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    Monokultur ist niemals gut, ganz genau. Dies gilt auch insbesondere für den Antrieb. Es ist gerade eine spannende und wichtige, weichenstellende Zeit, in der man sehr genau überlegen muß, welchen Ansprüchen müssen künftige Antriebe genügen. Die Gefahr die ich zur Zeit sehe, ist das durch die Geschehnisse und den offengelegten Betrug rund um den Diesel der letzten Zeit, nun leichtfertig und aus purer Panikmache eine Technologie verteufelt und unsinnigerweise zu Nichte gemacht wird, in der wir vor allem in Deutschland ohne Zweifel Führungskompetenz haben. Dumm nur das es gerade deutsche Firmen sind die leider zu recht am Pranger stehen. Dabei muss selbst ein grüner Ministerpräsident aus Überzeugung zugeben, ja es gibt den sauberen Diesel. Stichwort Harnstoff. Kommende Generationen von Dieselantrieben werden durchaus sauber sein so die Versprechungen der Industrie. Das Problem dabei ist nur, nach allen Vorkommnissen, wer glaubt bzw. vertraut den Herstellern noch. Aber genau deshalb muss man aufpassen im Antrieb nicht künftig in eine Monokultur zu verfallen. Zur Zeit praktizierte Ideologie ist es, es muss in Zukunft ausschließlich elektrisch mit der Energie aus Akkus gefahren werden. Ich denke zum Beispiel im Güterfernverkehr werden noch lange Zeit die LKW`s mit Dieselantrieben fahren müssen, weil es dazu praktisch und wirtschaftlich keine elektrische Alternative gibt. Elektrisch schön und gut, aber muss man sich auf Akkus festlegen, nur weil die in China so schön billig produziert werden können. Wie sieht es später mit dem ganzen Giftmüll aus wenn alle nur noch E-Auto fahren und die ganzen kaputten Akkus alle mal entsorgt werden müssen. Da höre ich die ganzen grünen Elektro-Ideologen schon heute jammern wenn es soweit ist. Auch elektrisch gibt es Alternativen zum Akku. Stichworte Wasserstoff, Brennstoffzelle, Energieerzeugung aus ionisierten Flüssigkeiten usw.
    Fazit: Monokultur ist niemals gut. Man kann das Eine tun und das Andere nicht lassen. Warum Technologien opfern die durchaus es noch wert sind weiter zu forschen und sie zu optimieren, zumal wir in Deutschland hier führend sind und es dafür Kernkompetenz in Deutschland gibt ? Ohne sich aber davon Abhalten zulassen neue Kernkompetenzen entstehen zu lassen und zu entwickeln.

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