Ein Talladega zum Jubiläum

Eigentlich sollte der 9000CS (Joe) ja der letzte sein, den wir adoptiert haben – einen SAAB kauft man heute nicht mehr einfach. Drei sind auch eigentlich genug, um noch viele Jahre SAAB fahren zu können. Manchmal kommt es anders.

Zeitlos schöner Entwurf, typische Saab Linien. Foto: Gerd

Irgendwann bekam ich Lust auf ein 902 Coupé. Wir haben wir seit 15 Jahren und 100 TKm ein 902 SE Cabrio 2,3i von 1997, mit dem wir sehr zufrieden sind. Besonders das zeitlose Design des 902 gefällt mir immer noch. Beim Cabrio und Coupé kommen die Linien am besten raus.

Es wurde das Netz beobachtet und eines Tages vor ca. zwei Jahren wurde ich in der Umgebung von Stuttgart fündig, ein 902 Talladega Turbo in schwarz mit schwarzer Lederausstattung. Die Fotoserie war wie aus dem Katalog.

Was soll ich sagen, 1500 Km und eine Übernachtung waren umsonst, wir haben auf eine Probefahrt verzichtet und saßen nach zehn Minuten wieder im 9000 auf dem Weg nach Norden – sehr guter Fotograph!

Einige weitere Besichtigungen im Norden, dann habe ich den Plan zu den Akten gelegt. Die Tage für die 902 scheinen gezählt. Schade, denn sie sind deutlich besser als viele unsachliche Vorurteile es behaupten, aber inzwischen eben mindestens 19 Jahre alt und im Alltag verbraucht.

Für mich ist der 902 unter den „modernen“ SAAB das Modell, das die Linien der SAAB Ur-Designer am genialsten zitiert. Dabei ist er einigen 99-Modellen aus bestimmten Blickwinkeln fast ähnlicher als seinem direkten Vorgänger. Die leicht ansteigende Seitenlinie, der dezente Knick in der Gürtellinie. Der kam beim 99 als Verlängerung des seitlichen Motorhaubenspaltes bis zu den Heckleuchten erstmalig vor. Zu sehen ist diese Linie schon auf einer Skizze von Sixten Sason (ca.1962) auf einem Papier des Hotel Bele in Trollhättan.

Er hat die Vorstellung des 99 leider nicht mehr erlebt, die Arbeit wurde durch Björn Envall zu Ende gebracht, der auch den 902 maßgeblich gestaltete. Aber auch hier fand zum Ende der Entwicklung ein Generationswechsel statt, Einar Hareide überarbeitete die schwierige Heckpartie.

Dabei war der Zugriff auf die GM-Plattform für SAAB ein Glücksfall, denn sonst wären in Trollhättan wahrscheinlich schon 20 Jahre früher die Lichter ausgegangen. Es hatte mehrere Versuche gegeben, einen 900-Nachfolger auf der Plattform des 9000 zu entwickeln, die jeweils zu dicht am 9000 und zu teuer waren. Der letzte Versuch war das Projekt 102, ein sehr gelungenes Envall-Design. Dieses wurde weitgehend auf das Projekt 104 (GM-Plattform) übertragen. Die Plattform war die Lösung des Problems, alles andere ist SAAB.

Wer behauptet, der 902 sei ein Vectra, der hat den Unterschied noch nicht ERFAHREN und dem sei das Buch von Anders Tunberg empfohlen. Wir hatten ab 1992 Vectras bei meiner letzten Firma. Ich habe damals schon „sicherheitshalber“ meinen privaten 9000 CC vorgezogen.

Die ersten Begegnungen mit dem 902 hatte ich ab 1995 durch gelegentliche Leihwagen. Er gefiel mir gut, hatte jedoch gegenüber dem 9000 nicht den gewohnten Platz für die Familie. Deshalb blieb es beim 9000 CSE und später dem 902 Cabrio nebenbei. Nun sind wir aber wieder zu zweit.

Saab 900 Talladega in einem Hinterhof im Osten von Berlin. Foto: Gerd

Ende November 2016 entdeckte ich einen 902 Talladega in Berlin, offensichtlich falsch inseriert als 2.0i, denn auf einem Foto war die Ladedruckanzeige zu sehen. Der Preis eher im symbolischen Bereich. Unsere Tochter (inzwischen bei einem großen Berliner Autohaus tätig) bekam den Auftrag, sich das Exemplar mal näher anzusehen und dabei einen Blick in den Motorraum zu werfen – Turbo?? Als der Anruf kam, sah diesmal alles positiv aus und ich bin losgefahren, um mir selbst ein Bild zu machen.
Ich fand den SAAB auf einem Hinterhof in Ostberlin hinter einem ziemlich heruntergekommenen Haus bei einem sehr netten Autohändler, Ur-Berliner. Die Familie hatte dieses Haus durch den Mauerbau aufgeben müssen und es erst irgendwann nach der Wende in üblem Zustand wiederbekommen – deutsche Geschichte Live!

Der SAAB sah besser aus: ein 902 SE Turbo Talladega von 1997 mit 205TKm, 185 PS und nahezu Vollausstattung. Er war eine wesentlich kleinere Baustelle als unser Zweit-9000 Joe vor vier Jahren. Ohne viele Worte gab es einen Preisnachlass, weiteres Handeln wäre mir peinlich gewesen. Das Auto war bei VW in Zahlung genommen und für den Export weitergereicht worden. Das ist heute leider der Weg unserer SAAB, wenn sie nicht unter uns Fans weitergegeben werden können.

Bei der Rückfahrt nach Kiel gab es fast durchgehend Dauergrinsen, der SAAB lief traumhaft. Weder die 20 Jahre, noch die 205TKm waren ihm anzumerken. Lustig war, wenn bei LKW-Überholmanövern die LED-Lichterketten hinter mir zu drängeln begannen. Sobald die Bahn wieder frei war, ging es ab und das Drängeln hatte sich erledigt. Den alten 902 nimmt heute keiner ernst, mehr Understatement geht nicht. Die Motorleistung ist heute zwar eher Mittelklasse, aber er wiegt eben nur 1300 Kg.

Ich habe es nicht getestet und werde es auch nicht, aber laut Betriebsanleitung wird bei 230 Km/h über den Ladedruck abgeregelt, um das System zu schützen. Das wird auch durch die Ergebnisse von Talladega 1996 bestätigt, die schnellste Messung lag am letzten Tag über 12 Stunden bei 230,4 Km/h. Im 1. und 2. Gang wird das Drehmoment zum Schutz des Antriebs und wegen besseren Handlings ebenfalls reduziert, macht Sinn. Bei der Konstruktion wurde viel Wert auf Haltbarkeit gelegt. In der 9-3 Serie wurde später deutlich mehr Leistung zur Verfügung gestellt.

Einziger Wehrmutstropfen war das selbständige Black-Panel-Total. Auf der Autobahn fiel die komplette Instrumentenbeleuchtung aus. Zu Hause stellte sich heraus, dass sich ein Kabel im Stecker an der Helligkeitsregelung gelöst hatte, das war schnell behoben.

Natürlich gibt es bei so einem alten Auto immer eine mehr oder weniger lange To-Do-Liste. Ein großer Teil wurde bei Autohaus Lafrentz nach Weihnachten abgearbeitet. Dann folgte die Aufbereitung zu Hause, kleine Macken, erste leichte Rostansätze an problemlosen Stellen, aufpolieren des Lackes und renovieren der originalen BBS-Talladegafelgen…. Dazu muss ich sagen, dass der 902 keinen Wartungsstau und ein komplett durch SAAB-Werkstätten geführtes Servicebuch hat. Ausgeliefert wurde er ursprünglich in der Schweiz und kam 2004 nach Berlin. Bei den Unterlagen ist auch ein COC, ausgestellt in Trollhättan, 2011-07-11, interessant!

Inzwischen konnte ich schon einige Fahreindrücke und Vergleiche mit unseren beiden 9000 sammeln. Ich habe die letzten Wochen bewusst viel gewechselt.

Die Materialien sind weitgehend mit denen der gleich alten 9000 vergleichbar. Besonders das dicke schwarze Leder macht einen guten Eindruck. An einigen Punkten merkt man, dass der 900 unter dem 9000 angesiedelt ist, andererseits ist der 900 spürbar das modernere Auto. Er ist leichtfüßiger unterwegs und geht agiler durch die Kurven. Was ich wieder (wie schon beim Cabrio damals) sofort behoben habe, ist der schwabbelige Kofferraumboden. Wenn man in den Ausschnitt der Reserveradmulde gute 4mm-Sperrholzplatten unter den Teppich klebt, ist man noch nicht bei dem schönen festen Boden eines 9000, aber es wird schon deutlich besser. Das geht beim 9-3 I auch.
Der 204er-Motor ist für mich ein alter Bekannter aus dem 9000 2.0t. Er läuft als Vollturbo hier ebenso angenehm und leise, wie im 9000. In Italien wurde übrigens der 9000 AERO mit diesem Motor ausgeliefert, weil dort Benziner über zwei Liter Hubraum sehr hoch besteuert wurden.

Das Gesamtpaket Motor, Fahrwerk und Auto ist nach meinem ersten Eindruck sehr gelungen. In der Stadt bleibt man besser zurückhaltend im dritten Gang, sonst sind Fotos in der Post. Der Auspuffklang erinnert etwas an seinen Vorgänger.

Sound: Die originale Clarion-Musikanlage (CD-Wechsler im Kofferraum) ist nach 20 Jahren noch voll funktionsfähig und hat einen schönen vollen Klang. An die Clarion/Nokia-Anlage des 9000 mit dem separaten Verstärker und doppelter Lausprecheranzahl kommt sie natürlich nicht ganz ran, das war damals wirklich High-End.

Klappern tut er nicht, die Karosserie ist steifer als die des 9000. Auch die Windgeräusche sind gegenüber dem 9000 deutlich geringer. Das alles ist beim 902-Cabrio naturbedingt nicht so, deshalb konnte ich vorher nie wirklich vergleichen. Das Cabrio mit dem 150PS-Sauger hat so wie so einen ganz anderen Charakter als die Turbos. Das ist eher der gemütliche Cruiser, was zum offenen Fahren sehr gut passt. Dabei hört man dem 2,3i gerne zu.

Dieses 902 Coupé ist bis heute ein schöner Reisewagen, eigentlich ein echter GT. Und eines ist er bestimmt, ein echter SAAB!

Danke an Gerd  für die Saab Story! Dafür geht eine unserer exklusiven Saab Bordmappen auf die Reise. Habt auch Ihr etwas zum Thema Saab zu erzählen?

Die Geschichte einer unvergesslichen Urlaubsreise, einer Restauration oder einer anderen Begebenheiten im Leben mit der Kult Marke aus Trollhättan?
Was immer es ist, schreibt uns. Wir freuen uns darauf!

11 Gedanken zu „Ein Talladega zum Jubiläum

  • 26. April 2017 um 9:48 AM
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    Bonjour, Pourquoi ne parlez vous pas des Saab Biopower, utilisant l’éthanol à 85%. C’est une très bonne solution en attendant que la voiture électrique arrive, ce qui n’est pas pour demain avec plein en 10 minutes puis chauffage, pluie et essuies glace, radio, navigation….

    • 27. April 2017 um 10:46 AM
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      My french isn’t good anymore, so I write in english. There aren’t so many gasoline stations with E85 anymore. So only a few people get the Chance to put E85 in their Biopower Cars. We’ve got also a Biopower, but we have no E85 gas stations nearby

  • 26. April 2017 um 10:04 AM
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    Hallo Gerd!
    Danke fürs Lanze Brechen zum 902 und die Vergleiche mit 9000 und, designtechnisch, auch den Vorgängern. Den 902 finde ich auch schick genau so, wie er bei Dir steht.
    Mein Eindruck ist, auch aus den Internetinseraten, dass das 902-Leder nicht so langlebig wie das des 9000 ist. Es sieht, auch bei geringeren Laufleistungen, oftmals schneller brüchig und abgewetzt aus.
    Siehst Du bei Deinem 902 einen Herstellerhinweis zum Leder?

    Der Kauf klingt nach einem Glücksgriff. Der macht schon auf dem Ursprungsfoto einen grundsauberen Eindruck.
    Gut, dass der nicht so einen weiten Weg gegangen ist nach Inzahlungnahme bei VW – ich denke, da gehen zu oft noch ganz gute Exemplare an Interessierten vorbei, schlichtweg, weil wir’s nicht mitbekommen (können).

    Ein schadenfreies Weiterfahren wünsche ich Euch – und bei Gelegenheit kontaktiere doch mal die Vorbesitzerpersonen: ich habe da schon einige Male die Erfahrung gemacht, dass sie sehr erfreut gewesen sind, wenn ich mich mit ihrem “alten Wagen” gemeldet habe. Da kamen einige Geschichten und positive Gefühle hoch.

    • 27. April 2017 um 5:34 PM
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      Ich habe noch mal nachgesehen, aber Lederschilder wie im 9000 gibt es leider nicht.
      Das schwarze Leder in den Talladegas macht aber einen sehr soliden Eindruck. Bei meiner Suche liefen mir zwei echte Grotten über den Weg, aber das schwarze Leder sah bei beiden noch erstaunlich gut aus.
      Anders ist es beim beigen Leder, das kommt nicht an das Elmo aus den 9000ern ran. Da habe ich den direkten Vergleich zwischen dem CSE und dem Cabrio und denke, dass ich beide ähnlich gut gepflegt habe. Der Fahrersitz im Cabrio sieht schlechter aus als im CSE, der 30.000 mehr gelaufen hat.

      • 28. April 2017 um 10:05 AM
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        Danke für die Antwort auf meine Fragen. Mehr Motivation, das beige Leder in meinem 9000 auch mehr zu pflegen. 🙂

  • 26. April 2017 um 10:20 AM
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    Hallo Gerd,
    Ein toller Bericht über Deinen wieder in vollen Glanz strahlenden 902 Talladega. Absolut spürbar mit welchem Enthusiasmus Du hinter diesem Projekt gestanden bist und eine Lanze für die mehrheitlich “geächteten” 902 brichst. Gratulation deshalb zum Deinem Artikel und zum Talladega.
    Nun hoffe ich, das neue Glanzstück in Deiner Sammlung im Juni in Kiel “live” zu sehen. Bis dahin weiterhin viel Spass und Freude.

  • 26. April 2017 um 10:38 AM
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    Herrliche geschichte, danke dafür.

  • 26. April 2017 um 5:24 PM
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    Hallo Gerd,
    Richtig schön dein Talladega! Ich freue mich schon ihn im Juni live zu sehen. Ob er wohl auch so schön “schnurrt” wie mein 9-3.1 er?

  • 26. April 2017 um 6:18 PM
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    Danke für den emotionalen Bericht über Deinen SAAB 900 “Talladega”.
    In der Tat ein zeitlos schöner SAAB! 🙂 Und als Coupe besonders “edel” anzuschauen… Wie schön, dass Der SAAB bei Dir in guten Händen gelandet ist!!! Weiterhin viel Freude mit dem SAAB und unfallfreie Ausfahrten!

  • 26. April 2017 um 7:19 PM
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    Eine wirklich tolle Geschichte mit tollen Bildern! Wie kann man den 902 nicht mögen? Spätestens jetzt wird man inh mit anderen Augen sehen.

  • 26. April 2017 um 10:44 PM
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    sehr schöne Fotos, für mich sind der 902 und der 9-3 1 die schönsten Saabs.

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