Saab Youngtimer im Winter. Ein Selbstversuch (1/2)

Der 1. November 2016 kam ähnlich unvermittelt wie jedes Jahr der 24. Dezember… Ungünstig nur, dass exakt zu diesem Datum die Mehrzahl meiner Saabs in das Winterquartier einrückten – und nur noch ein einziges Auto mit gültiger Zulassung im Carport stand.

Saab 9000 im Winter

Nicht, dass ich diese Situation nicht auf mich zukommen sah. Und es ist auch nicht so, dass es keine Auswahl an jüngeren Saabs als Alternative gegeben hätte, die ich hätte nur anmelden müssen. Aber andere Dinge forderten mehr Aufmerksamkeit, und plötzlich war er da, der 1. November.

Und auf dem Hof stand nur ein Saab 9000.

Unser Anna Projekt, Baujahr 1998. Im Youngtimer durch den Winter? Warum eigentlich nicht, hörte ich mich sagen, und reflexartig kam von Saab Freunden die Antwort,  dass der 9ooo für die kalte Jahreszeit viel zu schade sei. Ein 9000 ! Ausgerechnet !  Jahrelang als Fiat verunglimpft, das klassische Winterauto der Community schlechthin. Und plötzlich kommt Mitleid auf. Die Zeiten haben sich geändert.

Mit billigen Winterreifen durch die kalte Jahreszeit.

Ich bin bekennender Michelin Fan. Auf allen meinen Saabs sind, ohne jede Ausnahme, die Reifen der Franzosen montiert, aus purer Überzeugung und langjähriger Erfahrung. Ich habe im November aber wenig Zeit, ein spannendes und forderndes Projekt stand in den Startlöchern, mit der Reifenwahl muss es daher schnell gehen.

Auf einem bekannten Portal finde ich Winterreifen von Kumho. Billige Reifen für den Selbstversuch,  mit einem Youngtimer durch den Winter zu fahren. Knapp 50,00 € pro Stück, so günstig bin ich nicht mehr unterwegs gewesen, seit ich mit 18 Jahren meinen ersten Satz Winterreifen kaufte. In unserem Hangar  besorge ich mir einen Satz Alufelgen und erwische den hässlichsten Felgensatz,  den wir haben. 5 Meter weiter, auf einem Felgenbaum, lagern tolle 9000 Turbo-Felgen. Aber das sehe ich erst am folgenden Tag und ärgere mich über mich selbst.

Ein paar 100 Meter vom Hangar entfernt ist eine Werkstatt, die immer hilft,  wenn mal schnell ein Saab fahrbereit gemacht werden muss oder ein Ölwechsel fällig ist. Sie montiert die Reifen, und schon beim Abholen des 9000 fühle ich die die Schwingungen der Missbilligung wegen meines Billigkaufs. Die Reifen seien an sich nicht schlecht, sagt der Werkstattmeister. Aber Freude werde ich damit keine haben. Punkt.

Und so ist es. Die Kumhos fahren sich wie Backsteine, erledigen aber ihren Job. Bei Schnee bringen sie eine gute Traktion, das Verhalten bei Nässe ist akzeptabel. Aber der Bremsweg wird länger und der Fahrkomfort ist jenseits aller Diskussion. Kurz und gut: die Reifen, im Verbund mit den hässlichen Felgen,  werden mir den ganzen Winter den Spaß verderben.

Saab Youngtimer auf langen Strecken zu Hause.

Ein Saab ist ein Saab. Und ein Saab ist ein Langstreckenfahrzeug. Schon immer gewesen, und besonders auf den 9000 trifft das zu. Es ist kalt, es ist nass. Na und? Die Sitzheizung wärmt, die Klimatisierung ist perfekt und besser als bei manchen modernen Autos. Die Sitze sind ausreichend bequem,  und wenn ich den Tempomaten auf Autobahn-Richtgeschwindigkeit einstelle,  dann prognostiziert der Bordcomputer Reichweiten,  die Frankfurt – Trollhättan und noch weiter ermöglichen.

Dabei rollt der Saab relativ leise durch die Gegend. Der legendäre 2.3 Liter Turbo hat Leistungsreserven im Überfluss.  Autobahn und Saab 9000, das passt einfach.

Der 9k wurde gebaut für die Reise. In der Stadt nervt er mich. Wie alle großen Limousinen, die in den 80er Jahren konzipiert wurden, hat er einen verschwenderischen Wendekreis. Man neigt dazu,  das Problem zu ignorieren, wenn man den 9000 nur ab und zu fährt. Aber er ist jetzt für Monate mein Exklusivauto. Und spätestens da hört der Spass auf. Lange Strecken ja, Innenstädte nach Möglichkeit nein.

Saab 9000 und Licht und Sicht.

Im Winter spielt Licht eine große Rolle. Der 9k hat als altes Auto H1 Licht, was der Bronzezeit der Lichttechnik entspricht. Trotzdem ist die Ausbeute erstaunlich. Seine kastenförmigen Scheinwerfer, im Verbund mit den großen Reflektoren, sind genau das, was ein guter H1 Scheinwerfer haben muss.

Ausserdem sind die Scheinwerfer neu. Neue Gläser, neue Reflektoren machen den Unterschied zu den alten, perforierten Streuscheiben und matten Reflektoren,  die viele Fahrzeuge nach 20 Jahren haben. Leider sind die guten Originale von Hella schon lange ausverkauft, es gibt nur noch Nachbauten. Diese werden keine 20 Jahre halten, aber sie bringen für einen fairen Kurs Licht, Sicht  und Sicherheit. (Orio Art. Nummer 32019340 und 32019341)

In den ersten Wochen läuft es gut zwischen Anna und mir. Der Saab tut was er soll, er ist vielseitig und ich entdecke seine Fähigkeiten. Aber dann schlagen die Defekte zu und es stellt sich die Frage, ob man einen alten Saab wirklich im Winter bewegen sollte. Fortsetzung folgt in Teil 2.

13 Gedanken zu „Saab Youngtimer im Winter. Ein Selbstversuch (1/2)

  • 23. März 2017 um 10:50 AM
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    Hallo Tom, ich habe mir 2015 einen 9000 als Winterauto zugelegt, zum einen um mein Cabrio für die kalten und nassen Monate in der Garage verschwinden zu lassen zum anderen aber auch im mir den alten Traum eines schwarzen 9000 zu erfüllen.
    Mein Fazit: hervorragendes Winterauto ohne Ausfälle, schneller Heizung und mittlerweile viel mehr als “nur” mein Winterauto…

    Nur meine Frau wird leider nicht warm mit diesem in ihren Augen “alten” Auto und er wird wohl zum nächsten Winter einem anderen Fahrzeug weichen müssen

    Ich fahre übrigens Conti-Reifen und bin damit sehr zufrieden…

    LG schlich

    • 23. März 2017 um 12:50 PM
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      Da teilen wir Erfahrungen: Auch bei uns ist der 9k kein ausgesprochenes Frauenauto. Sondern ein “altes” Auto.

      • 23. März 2017 um 5:07 PM
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        Hallo Leute!
        Da habe ich andere Erfahrungen sammeln dürfen. Unser erster Saab war ein 9000 CSE. Er hat bei meiner Frau und mir den Saab Virus ausgelößt. Inzwischen restauriere ich einen 901 und meine Frau kann es gar nicht erwarten ihn zu fahren.
        Wird dann natürlich nur ein Wochenendauto, ist aber durchaus als “daily Driver”zu gebrauchen. Er ist wunderbar zum entschleunigen.
        Gruß an alle Saab Fahrer

        • 24. März 2017 um 9:38 AM
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          Geschmäcker sind verschieden, und das ist sehr gut so. Ein 9k kann schon für Saab infizieren! Weiterhin viel Spaß!

  • 23. März 2017 um 11:13 AM
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    Wow!!! Ein Anni mit weniger als 150k Kilometern. Wo findet man so was? Extrem cool!!

  • 23. März 2017 um 11:28 AM
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    Hallo Tom !

    Ich fahre nun schon seit sechs Jahren einen 9000 2.3T als Winterauto.
    Und wenn´s nach mir geht, werden es mindestens noch einmal so viel. Ich kann mir schlicht kein bequemeres und zuverlässigeres Auto vorstellen.
    Defekte? Klar gibt´s mal den einen oder anderen kleinen Defekt wie bei jedem Auto, das gefahren wird. Aber streng genommen waren es bisher eigentlich peanuts wenn man das Alter des Autos ( 21 Jahre ) und den aktuellen Kilometerstand ( 290tKm ) mit in Betracht zieht.
    Ich kann es nur immer wieder sagen: Für mich ist der späte 9000 neben dem späten 99 das beste Auto das Saab je gebaut hat.

    liebe Grüße
    Gerald

  • 23. März 2017 um 11:50 AM
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    Auf Schnee ist der 900 dem 9000 haushoch überlegen. Aber ohne Schnee ist der 9k im Alltag einfach unkomplizierter.
    Eure Einschätzung bzgl Stadt und Lanngstrecke teile ich absolut. Autofahren macht in der Stadt einfach überhaupt keinen Spaß. Mit dem 900 nicht, mit dem 9000 noch viel weniger und der 9-5 ist nochmal eine Ecke unhandlicher. Aber für die Stadt gibt es ja U-Bahnen, Fahrräder und Schuhsohlen… das ist also nicht schlimm.
    Das Licht im 9000 ist nicht schlecht. Ist es auch im Vorfacelift mit den H4 nicht. Ich finde Licht generelle überbewertet – selbst im Schneewittchen mit seinen nach 600.000km sandgestrahlten Streuscheiben und stumofen Reflektoren sehe ich ich nachts auf kurvigen Landstraßen mehr als genug. Es hat jedenfalls diesen Winter gereicht, um nicht in eine Wildschweinrotte zu rauschen… Saab hat nämlich schon in den 80ern die Bedeutung guten Nachtdesigns verstanden. Eine unaufdringliche Instrumentenbelecuhtung, schummrig gedimmt, und die Augen können sich an die Dunkelheit anpassen.
    Mit einer grellen Instrumentenbeleuchtung oder gar vielen hellen Displays wie in den allermeisten modernen Autos tun sie das nicht. Dann braucht man natürlich mehr Licht draußen auf der Straße – und blendet alle anderen…
    Night panel ist effektiver und sozialverträglicher als Xenon und LED. Hat außer Saab nur leider niemand verstanden.

    Anderes Thema:
    Ihr habt den Wagen vor dem Winter hoffentlich konserviert… die Dinger wachsen schließlich nicht mehr nach…
    🙂

    • 23. März 2017 um 12:49 PM
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      Natürlich war der 9k gut koserviert. Die Frankfurter Gegend ist ausserdem nicht besonders gefährlich, was die Verwendung von Streusalz angeht.

      • 23. März 2017 um 2:09 PM
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        Ihr glücklichen!

        An Schneewittchen muß trotz FF alle drei Jahre rumgebraten werden… Die A9 ist äußerst salzhaltig.

  • 23. März 2017 um 11:53 AM
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    Cooler Bericht. Wir fahren unser 9000 Anni von 1997 auch im Winter. Wenn man etwas vorbeugend mit dem Rost ist und im Frühjahr eine Unterboden-Wäsche macht, sehe ich kein Problem. Spass macht er auf jeden Fall und das wichtigste am fühlt sich sicher aufgehoben.

  • 23. März 2017 um 7:37 PM
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    Hallo Tom,
    ich glaube, Du hast Dir mit den Billigreifen selbst den Spaß verdorben. Ich hatte schon immer wenig Spaß mit den Winterreifen von Michelin und habe die möglichst kurz gefahren. Unangenehme Reifen machen auf 900/9000 gar keine Freude!
    Nun fahre ich auf Joe seit gut 60TKm Vredestein Quatrac 3 (die waren beim Kauf neu drauf, also los) und bin super zufrieden damit. Verbrauch, Fahrkomfort und Verschleiß mindestens auf Michelin-Niveau. Da dieser Winter bei uns mal wieder weitgehend ausfiel, habe ich sie durchgefahren, alles gut. Nach den guten Erfahrungen habe ich für den Talladega Quatrac 5 gekauft, die machen sich ebenfalls sehr gut. Vor allem die Laufruhe bei den Quatrac ist genial.

    Mit den Frauen und dem 9k scheint es Ausnahmen zu geben. Als ich nach dem Wildunfall mit dem verbogenen Joe nach Hause kam, stand meine Frau davor und die Tränen liefen! Da war ich überrascht.

    Aber stimmt schon, Stadtverkehr hat mit einem 9k noch nie wirklich Spaß gemacht, die wollen laufen…
    Wir haben grade eine Italientour gemacht, 3200Km mit viel Autobahn, aber auch Berge, italienische Altstadtgassen und Landstraßen, da war er wieder in seinem Element. Alles war super angenehm zu fahren – auf langen Strecken zu Hause!

    • 24. März 2017 um 9:37 AM
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      Schon richtig. Die Billigreifen waren bewusstes Risiko. Ein Selbstversuch für unsere Leser sozusagen. Dass sie so wenig Komfort mitbringen hat mich allerdings überrascht. Nächste Woche kommen die 16″ Michelin auf den 9k, dann ist die Welt wieder in Ordnung 🙂

  • 23. März 2017 um 8:24 PM
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    Bei uns gab es letzten Winter einmal relativ viel Neuschnee (es hat den ganzen Tag u. die Nacht fast permanent geschneit) u. ich habe mir den Spaß erlaubt, eine “Neuschnee-Testfahrt” mit meinen 2 Autos durchzuführen, nachts von ca. 0 – 2 Uhr auf umgeräumten u. praktisch leeren Nebenstraßen bei uns in der Provinz:
    Der 9k 2,3 FP-Turbo (über 200 PS) lag sicher u. ruhig auf der Straße (auch 100-120 km/h waren überhaupt kein Problem – leere Straßen habe ich schon erwähnt?), vorsichtig Gas geben u. dann gleich im 4./5. Gang fahren, Heizung wohlig warm, toller Sound (ich habe die Original Top-Anlage mit Cass./CD u. sep. Verstärker) u. bequeme Sitze – ich hätte noch stundenlang durch Schneetreiben und die verschneite Nacht fahren können…
    Der 9k hat etwas, was neudeutsch “cocooning” genannt wird – man fühlt sich einfach geborgen
    (gibt´s bei den heutigen durchgestylten Kisten fast nicht mehr -> Informations-Overkill)

    Wen´s noch interessiert:
    Das Testkfz danach war ein alter SLK (R170), mit 2,3 Kompressor sehr ähnlich motorisiert, allerdings waren aufgrund Elektronikprobleme sämtliche Sicherheitsfeatures (ESP, BAS etc.) ausgefallen, nichtmal ABS hatte er mehr:
    ein kraßer Gegensatz zum 9k, ich mußte höllisch aufpassen, dass er auf der Straße blieb, bißchen zu viel Gas – sogar im 4.5.6. Gang! – u. er wollte quer, hatte allerdings auf einem Supermarkt-Parkplatz richtig Spaß bei Driftübungen!

    Beim 9k ging das übrigens auf dem Parkplatz auch, allerdings nur mit Handbremse u. lange nicht so elegant -> klar sicherer Frontantrieb
    Ich muß allerdings gestehen, dass ich schon heilfroh war, den SLK wieder unversehrt heimgebracht zu haben, naja manchmal braucht man auch mit über 50 noch Mutproben… ;-))

    Thema Licht u. Reifen der vorh. Kommentare:
    Habe im 9k (EZ 96) Osram H1 Night Breaker – machen besseres Licht als die alten Xenons in meinem SLK!
    Allerdings sind die modernen Scheinwerfer das einzige, um was ich die heutigen Autos beneide, gute Sicht finde ich wichtig

    Das Thema Reifen wird m. E. komplett überschätzt:
    Ich fahre auf beiden Autos (jetzt im Winter) jeweils mind. 10 Jahre alte Winterschlappen, keine Ahnung, was für ne Marke, interessiert mich nicht,
    sicherlich wären “Kundenzeiten” mit guten, neuen Pneus besser, aber wir sind doch keine Rennfahrer ;-))
    haben alle bisher immer rechtzeitig gebremst u. aus ner Kurve bin ich die letzten Jahrzehnte auch nicht rausgeflogen
    und heute auf der A9 konnte ich mit der allerneuesten E-Klasse (richtig häßlich) bis 200 ganz gut mithalten…

    liebe Saab-Grüße

    Oliver

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