Die Marke für das IoT. Eine Erfolgsstory vom Lindholmen

Wenn wir über des Leben nach dem Dezember 2011 schreiben, dann richtet sich unser Blick meist nach Trollhättan – zu Unrecht. Zwar sind viele frühere Saab Mitarbeiter und Führungskräfte zurück in der Stallbacka. Aber mindestens genau so viele, wenn nicht noch mehr, arbeiten in Göteborgs Lindholmen.

Lynk 01 Sport, das am meisten vernetzte Auto. Foto: Lync & Co.

Was Mats Fägerhag, früherer Saab Entwicklungschef, und seine Ingenieure während der vergangenen Jahren aus dem sprichwörtlichen Nichts aufgebaut haben,  verdient Einiges an Respekt. Und es könnte sein, dass sich die spannendere Geschichte in Göteborg abspielt. Und nicht in Trollhättan.

Start mit 200 Mitarbeitern. Viele kamen von Saab.

Während man am früheren Saab Produktionsstandort immer noch daran arbeitet,  auf Basis des früheren 9-3 ein Elektroauto zu konstruieren, entstand bei CEVT in Göteborg eine komplett neue Generation von Fahrzeugen und gleichzeitig eine neue Automarke.

Im Oktober 2016 wurde der Lynk & Co 01 in Berlin und Göteborg präsentiert, in China fahren die ersten Vorserien-Fahrzeuge. Produziert wird der 01 wie auch der neue Volvo XC40 ab Herbst in einem Werk in China. Er basiert auf der in Göteborg entwickelten modularen CMA Plattform, die ebenfalls Basis für andere Volvo, Geely und Lynk Fahrzeuge sein wird. Der Marktstart wird im 4. Quartal 2017 in China sein, die Vertriebspläne sind erfrischend anders.

Alain Visser, Senior Vice President mit Saab Deutschland Vergangenheit, bricht bei der neuen Marke mit alten, überkommenen Vertriebsstrukturen. In Städten werden als Alternative zur Bestellung über das Internet eigene Stores entstehen, und Lynk & Co liefert direkt zum Auftraggeber. Es gibt keine Rabatte, statt dessen feste, verbindliche Preise für jeden Kunden.

Die Fahrzeuge erwirbt man dann per Flatrate und ohne Anzahlung. Bequem, problemlos und möglichst keine Hemmschwelle. So soll es in Zukunft sein. Unterschrift geleistet und der 01 steht kurze Zeit später vor der Türe. Traditionelles Leasing, so Visser, wird es nur noch geben,  wenn der Kunde darauf besteht.

Lynk & Co will die Dinge für ein junges, urbanes Publikum einfach halten. Adieu zu den ultralangen Aufpreislisten; Modelljahre sind Vergangenheit. Stattdessen wird es Farben geben, die sich nach der Saison richten. Das Auto als Mobilitätsfaktor oder auch als Trendartikel. Selbstverständlich ist ein Lynk 01 immer online. Stets verbunden mit der Cloud ist er das am stärksten vernetzte Fahrzeug des Planeten.

Konsequent ausgerichtet für das Internet der Dinge (IoT)

Damit könnte man punkten, bei einer Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, die keine Lust auf Gespräche mit Verkäufern verspürt, für die Lieferzeiten ein Graus ist, und die stets online sein möchte.

Eindrucksvoll unter Beweis hat das eine Marke gestellt, die wir ganz sicher nicht auf dem Radar hatten. Erinnern wir uns an Roewe? Eigentlich die Heimat des Rover 75, der dann den Chinesen in die Hände fiel. Diese machten aus Rover die Marke Roewe, weil sie die Namensrechte nicht hatten.

In den kommenden Jahren versuchten sie, absolut sinnfrei, Technik aus China mit dem,  was sie unter englischem Design verstehen,  zu verbinden und es den Kunden schmackhaft zu machen. Das Resultat war das Grausigste aus beiden Welten und schmeckte selbst den Chinesen nicht.

Mit dem RX5 SUV brachen sie mit britischer Designtradition und schickten in Kooperation mit Alibaba das erste chinesische Internetauto an den Start. Der Roewe RX5 entwickelte sich zum Bestseller. Monat für Monat gehen 20.000 Fahrzeuge an junge, Internet-affine Kunden.

So ähnlich, wahrscheinlich noch eindrucksvoller, könnte es ab dem 4. Quartal 2017 für Lynk laufen. Der 01 ist das erste Angebot einer neuen Marke,  die konsequent auf das Internet der Dinge (IoT) ausgerichtet ist. Nach dem 01 SUV wird unter anderem ein kompaktes Fließheck folgen. Die weiteren Modelle werden einfach durchnummeriert. Auf den Lynk 01 folgt dann 02 -und so weiter. Auch hier hält man die Dinge einfach.

Lynk & Co auf dem Mobile Word Congress in Barcelona

Lynk arbeitet mit Konsequenz an der Zielgruppe. Nicht nur in China, auch in Europa. Letzte Woche war Barcelona der Mittelpunkt der Netzwelt. Auf dem Mobile World Congress war fast jedes Unternehmen zu finden, das etwas zum Thema vernetzte Mobilität zu erzählen hat. Ein Muss, wenn man die Zukunft gestalten möchte. Lynk & Co hatte verstanden und lud ein. So bringt man eine Marke ins Gespräch.

Zum Jahresende arbeiteten für CEVT rund 2.000 Entwickler, nicht alleine in Göteborgs Lindholmen, sondern auch in Trollhättan und in China. CEVT mit der neuen Marke Lynk & Co ist der am schnellsten wachsende Automobilentwickler weltweit. Eine schwedische Erfolgsgeschichte, die vor etwas mehr als 3 Jahren mit 200 Ingenieuren begonnen hatte, die zum großen Teil von Saab kamen.

Lindholmen, Göteborg. Hauptquartier von CEVT und Lynk & Co. Foto: CEVT
Europa kommt 2019

Aber es gibt auch Baustellen. Den Service für die Elektroautos und Hybride könnten zukünftig die Volvo Händler übernehmen. Die Verhandlungen laufen. Die Technik unter dem Blech ist identisch, der Lynk 01 könnte der smartere Deal im Vergleich zum XC40 sein – wenn man ihn bekommt. Der Vertrieb in Europa und Nordamerika sollte 2018 starten. Das war vielleicht etwas zu ambitioniert, der Marktstart wurde auf 2019 verlegt.

2017 wollten CEVT und Lynk Co etwas vom Gas gehen, sagte CEO Mats Fägerhag in einem Interview mit NyTeknik. Kommt darauf an, was man darunter versteht. Vergangenen Montag konnte CEVT 74 neue Mitarbeiter im Lindholmen begrüßen.

6 Gedanken zu „Die Marke für das IoT. Eine Erfolgsstory vom Lindholmen

  • 10. März 2017 um 12:24 PM
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    Genau diese Artikel machen den Blog so lesenswert. Es sind Infos, die man sonst nie bekommt. Tom`s Blick über den Tellerrand. Großartig!

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  • 10. März 2017 um 12:31 PM
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    Jepp, dem kann ich vorbehaltlos zustimmen und somit natürlich “indirekt” freundlich die Blogspende in Erinnerung bringen!
    DAS ist das Salz in der Suppe!
    Diese (wahrscheinlich) einzigen öffentl. Infos mit dem Blick über den Tellerrand 🙂 machen den Blog so BESONDERS!!!
    Wie SAAB halt. 😉

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  • 10. März 2017 um 3:08 PM
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    Zunehmende Vernetzung, das IoT, das sind die wahren Trends der nächsten Jahre. Interressant und gruselig zugleich. George Orwell und 1984 lassen grüßen!

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  • 10. März 2017 um 5:46 PM
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    …freches Grinsen der Fahrzeugfront, aufgeräumters fahrerorientiertes Cockpit, angedeutete Lichtleiste am Heck, sportliche Sitze, indirekte Beleuchtung im Innenraum, keine geschwungenen Sicken, wo kenn ich das alles her?? 😉
    Danke für den Artikel, die Marke stand in meinen Onlinemedien zu den Automessen nicht ! ,…da muß dann das vernetzte Aute wohl selbst ran!

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  • 11. März 2017 um 6:50 PM
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    Neulich war in einer Radiosendung (DLF) die Rede von der “digitalen Welt dort draußen” …

    Ich dachte, das dort draußen sei die reale Welt und dass die noch immer analog sei? Ich komme nicht mehr mit …

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  • 13. März 2017 um 8:22 AM
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    Spannendes Projekt und guter Artikel. Der 01 erinnert mich am Heck ein wenig an den 9-4X und im inneren hat das Cockpit eine ähnliche Linie wie die großen Saab. Die Verkaufsansätze gab es in der Vergangenheit immer wieder (z.B. bei Saturn in den USA). Es wird interessant, wie dies angenommen wird. Jetzt noch eine europäische Produktion…

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