Schwedische Autoindustrie. Die Wut des alten Mannes.

Es ist schon länger als ein Jahr her, als Volvo-Legende Pher Gyllenhammar auf einer Veranstaltung der schwedischen Autoindustrie eine Brandrede hielt. Die Nation habe eine ihrer Schlüsselindustrien leichtfertig aus der Hand gegeben, mit langfristigen Folgen für das Land.

Schwedische Marken sollen schwedisch sein. Oder?

Schwedische Autoindustrie in fremden Händen

Man hätte es sich einfach machen und Gyllenhammars Ansprache für die Wut des alten Mannes halten können, der enttäuscht sein Lebenswerk in den Händen fremder Eigentümer sieht. Frustration, geboren aus einer Situation heraus, die sich 2015 in deprimierenden Farben präsentierte. Scania aus Södertälje kam, nach einer zähen aber letztlich erfolglos geführten Abwehrschlacht schwedischer Pensionsfonds,  zu 100% in VW Besitz. Volvo Cars komplett in den Händen von Chinesen und Saab (Automobile) faktisch ebenso.

Die letzten Reste schwedischen Stolzes bestanden zu dieser Zeit aus einem Kleinserien-Hersteller in Ängelholm und der schwächelnden Volvo LKW Produktion.

Dabei profitiert Schweden prächtig von den Investitionen aus China, der Arbeitsmarkt läuft am Limit, der Wohnungsmarkt in Göteborg ist ausgeschöpft, überall im Land wird gebaut. Der Boom geht bis in das kleine Trollhättan, das zur Schlafstadt für Göteborg wird. Und trotzdem, die Unzufriedenheit und der Frust über eine ungebremste Globalisierung war da. Pher Gyllenhammar hatte ausgesprochen,  was viele dachten – aber bis zu diesem Zeitpunkt kaum einer sagte.

Dann kam das Wolfsburger Dieselgate und damit die Hoffnung auf Revanche. Seit diesem Zeitpunkt geistert die Hoffnung durch Schweden,  Scania loskaufen zu können. Die Pensionsfonds signalisieren immer wieder Bereitschaft, in der Hoffnung, dass der angeschlagene VW Konzern Gelder für seine Restrukturierung benötigt. Die Sache köchelt seitdem vor sich hin, die letzte Zeile dazu ist noch nicht geschrieben.

Volvo Cars an die Börse?

Saab, wie wir wissen, wurde dann doch nicht Chinesisch. Im Sommer kam der Beschluss; die Saab AB ist heute in etwa so schwedisch wie sie es 1947 war, bevor Autos in Trollhättan gebaut wurden. In der Stadt ist man nicht wirklich unglücklich darüber. Vor allem in Saab Veteranenkreisen ist das Vertrauen gegenüber ausländischen Investoren nicht besonders ausgeprägt. Und das ist diplomatisch formuliert.

Bei Volvo keimt seit der Gyllenhammar Rede die Idee, das Unternehmen an die Börse zu bringen. Das Thema kommt immer mal wieder in die Presse, und im Mai und November konnte der Hersteller erfolgreich eine Anleihe am freien Kapitalmarkt plazieren. Ein Schritt zur Selbstfinanzierung, abseits chinesischer Geldtöpfe, deren Zugang auf Grund erschwerter Kapitalverkehrsregeln immer schwieriger wird.

Letzte Woche berichtete Dagens Industri über den bevorstehenden Beschluss, Volvo an die Börse zu bringen. Das Medienecho war enorm. Der Expressen, wie immer ganz nahe an der Volksseele, schrieb über einen Traum,  der wahr werde, und dann wurde die Meldung über Reuters dementiert. Die Börsennotierung in Stockholm und die Option,  Volvo wieder schwedisch zu machen, wurde vertagt.

Bis heute. Volvo Cars plaziert Vorzugsaktien im Wert von 5 Milliarden Kronen (ca. 513 Millionen €) bei 3 institutionellen schwedischen Anlegern. Eine Umwandlung in Stammaktien und ein Börsengang 2017 werden nicht ausgeschlossen. Ein historischer Schritt. Volvo Cars hat damit, erstmals seit 17 Jahren, Teileigentümer aus Schweden.

Die Autoindustrie steht am Anfang eines Umbruchs. Fahrzeuge mit alternativen Antrieben sind weniger komplex zu entwickeln und zu produzieren als konventionelle Modelle. Ihr Wartungsaufwand gilt als geringer, und Vertriebswege über das Netz revolutionieren die Distribution und sparen einen zweistelligen Prozentsatz an Kosten.

Die Chance der kleinen Hersteller
Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel

Der Umbruch ist eine Bedrohung für die großen Spieler in der Branche und könnte gleichzeitig das Comeback für kleine, innovative Hersteller sein. Schwedens Autoindustrie war immer etwas speziell. Landestypisch eben, mit einem ganz besonderen Flair. Und selbst Volvo war nie wirklich ein großer Akteur, zumindest nicht im internationalen Vergleich.

Gyllenhammars Rede, die Wut des alten Mannes, könnte man als Auftakt sehen. Ein hoch angesehener, mit vielen Auszeichnungen bedachter Veteran, spricht Klartext. Seitdem bewegen sich die Dinge und nichts muss so bleiben,  wie es ist.

Die Zeiten sind unruhig und unfreundlich geworden. Nicht nur der Globalisierung weht ein immer rauherer Wind ins Gesicht, auch die Rüstungsausgaben steigen. In diesem ungemütlichen Umfeld verdient die Saab AB prächtig und wird es auch in den nächsten Jahren tun. Gleichzeitig befindet sich weltweit viel Geld institutioneller Anleger auf der Suche nach Investitionsmöglichkeiten.

Vor diesem Hintergrund ist eine Rückkehr von Saab in den Automobilbau in den kommenden Jahren nicht auszuschließen.

7 Gedanken zu „Schwedische Autoindustrie. Die Wut des alten Mannes.

  • 20. Dezember 2016 um 1:58 PM
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    Extrem spannend und absolut richtig! Sehr viel Geld sucht nach einer Anlagemöglichkeit. Wer hätte gedacht dass Volvo schwedisch (in Teilen) werden könnte? 5 Milliarden Kronen sind schon eine gewaltige Summe, beeindruckend.

  • 20. Dezember 2016 um 2:18 PM
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    Wenn der schwedische Staat eingreifen hätte sollen, dann schon zu dieser Zeit als GM Saab übernahm, denn zu diesem Zeitpunkt war für mich schon klar das Saab von dieser Firma nur ausgelutscht u. dann untergehen lassen wird, was ja passierte. Mit den Chinesen wäre es nicht anders geworden u. ich bin sehr froh das der Name Saab in Schweden bleibt. Nie werde ich ein NEVS Auto fahren auch wenn Saab Gene enthalten sein sollten. Optimal wäre natürlich Saab Automobilie wieder zum Leben erwecken zu können wenn die Saab AB UND meinetwegen der schwedische Staat hier etwas auf die Beine stellen könnten. Ich wäre jederzeit bereit einen finanziellen Obulus in bestimmt 5-stelliger Höhe dazu zu steuern. Denn einmal Saab immer Saab u. das schon seit 1978 ununterbrochen. Ein Traum oder Zukunft ???

  • 20. Dezember 2016 um 3:12 PM
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    Das ist ein Bericht der mir so was von aus der Seele spricht. Konnte (eigentlich) nie verstehen das der schwedische Staat nichts gegen den automobilen “Ausverkauf” im eigenen Land tut, wie schon gesagt “eigentlich”! Da war sie wieder die nicht immer logisch erscheinende Trennung von Staat und freier Wirtschaft 🙁
    War 23 Jahre “bei / für” SAAB beschäftigt, habe Höhen und Tiefen (letzteres leider) mit erlebt, war trotzdem die schönste Zeit meines bisherigen Berufslebens …
    Seit 1 1/2 Jahren nun bei SCANIA tätig, erfahre täglich wie viele Parallelen es noch immer bei beiden Marken gibt, spürt man sehr deutlich (positiv) wenn man in Koblenz bei SCANIA ist, persönlich wie früher bei SAAB Deutschland in Frankfurt bzw. Bad Homburg.
    War im Herbst in Södertälje zur New Generation Präsentation – Veranstaltungen 1 : 1 wie vor Jahren in Trollhättan. Schöne Erinnerungen werden wach.

    Und dann kommen noch vermeintliche Parallelen, wo man hofft das es keine Wirklichen werden;
    MAN wird wohl demnächst SCANIA Getriebe verbauen…. Techniktransfair – oder wie war das bei GM !?!?

    Egal, wünsche erst mal dem Blogteam und allen Fans eine schöne Weihnacht und vielleicht erfüllt der alte Mann im roten Mantel uns und den Schweden doch noch unseren größten Wunsch 🙂

    Lg. aus Thüringen

  • 20. Dezember 2016 um 4:14 PM
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    Man soll niemals nie sagen. Es wird schon einen Grund haben warum SAAB und NEVS keine Einigung erzielen konnten? Bei Volvo dachte ich, die bleiben für immer zu 100% chinesisch.

  • 20. Dezember 2016 um 8:06 PM
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    Volvo wird praktisch auch zu 100% chinesisch bleiben. Es reichen sogar wesentlich weniger Prozentanteile um die Kontrolle über das Geschehen zu haben siehe früher Daewoo heute GM Korea. Was die Chinesen einmal in den Fingern haben geben die nicht mehr her und verwerten alles, siehe Baic mit dem Saaberbe

  • 22. Dezember 2016 um 6:17 AM
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    Machen wir (in Deutschland) es besser ? KUKA läßt grüßen… ;-(

  • 22. Dezember 2016 um 5:29 PM
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    Ich genauso wütend über die Wehrlosigkeit, mit der die Schweden ihre Schlüsselindustrien verschenkt haben (gilt auch für Siemens und die deutsche Solarbranche). Dafür braucht es auch keinen gradlinigen, strategiefähigen alten Mann mit breitem Rücken, hinter dem man sich für ein offenes Wort verstecken muss.

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