Rückspiegel. Viele Fragen an Jan Åke Jonsson.

Gerichtstermine sind die Zeit der Abrechnung. Die Gelegenheit, Antworten auf offene Fragen zu finden. In Vänersborg wird es ab Januar eine Menge offener Fragen geben. Die letzten Monate der Saab Automobile AB wird aufgearbeitet. Chefankläger Sahlgren bringt via DN schon im Vorfeld schwere Artillerie in Stellung.

Jan-Åke Jonsson und Saab 9-3. Bild: Saab Automobile AB
Jan-Åke Jonsson und Saab 9-3. Bild: Saab Automobile AB

4,8 Milliarden € Verlust in den Jahren 1990 bis 2010. Das klingt nach sehr viel Geld und ist es auch. Eine Headline, die sehr plakativ ist. Es hört sich bei Saab nach einem Unternehmen an, welches als hoffnungsloser Fall niemals die Chance auf Profitabilität gehabt hätte. Aber es ist noch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit.

Saab finanzierte die Flops von GM

Während der GM Zeit wurden Kosten gerne im Hochsteuerland Schweden sozialisiert. Das Cadillac BLS Projekt ist ein gutes Beispiel dafür. Die Entwicklung des Flops bezahlte Saab. Erträge hingegen flossen in amerikanische Kassen. Die Entwicklungskosten für andere Marken im Konzern, der Bau von Prototypen – das wurde nach Trollhättan gebucht. So sparte man erfolgreich Steuern. In 18 von 20 GM Jahren konnten Gewinne mit Saab Verlusten klein gerechnet werden.

Das wahre, große Drama sind aber die Spyker Jahre. Hier gibt es offene Fragen, und die wird vor allem Jan Åke Jonsson beantworten müssen. Seit 1973 in verschiedenen Positionen bei GM kannte er die Situation bei Saab schon lange vor seiner Berufung zum CEO. Er verpasste vor seinen Jahren in Trollhättan der Marke im Auftrag von GM einige bittere Pillen, sein Verhältnis zu Saab war nicht immer entspannt.

Jonsson, ein erfahrener, kompetenter Manager, blieb an Bord,  als Spyker übernahm. Ein Käufer, ohne jedes finanzielle Backup, stürzt sich auf eine Marke mit hohem Kapitalbedarf. Und er blieb an Bord nach dem 1. März. Dem schwarzen Tag, als GM endgültig den Stecker bei Saab zog. Keine Lieferungen mehr ohne Bargeld, das war das Ende. Denn die angeblich unabhängige Saab Automobile AB befand sich weiterhin in völliger Abhängigkeit der Amerikaner.

Saab in der Abhängigkeit von GM.

Die Produktionssteuerung im Werk – eine Lizenz von GM. Saab 9-5 und 9-4x, lizensiert durch GM. Fertige Produkte gingen automatisch in den Besitz der GM Finanztochter über. Das Distributionsnetz abhängig von GM; Bemühungen,  sich unabhängig zu machen,  blieben im Anfangsstadium stecken. Einem Menschen hätte man in dieser Lage Scheinselbstständigkeit unterstellt.

Der 1. März 2011 war das Todesdatum von Saab. GM hatte die Marke nach zwei vorherigen Rekonstruktionen damit zu dritten Mal und vor allem endgültig aus der Welt genommen. Die Frage ist warum? Warum erst jetzt? 220 Millionen Schwedische Kronen (23 Millionen €) an Verbindlichkeiten können der Grund nicht gewesen sein. Was Saab produzierte ging durch eine Globalzession automatisch an GM. Die Forderungen waren gedeckt, das geringste Risiko lag in Detroit.

Bloggers Rueckspiegel
Der Blick zurueck. Toms Rueckspiegel

Aber für Saab war der Beschluss tödlich. Die Abhängigkeit von Dienstleistungen aus dem GM/Opel Umfeld war durch die lange Zugehörigkeit zum Konzern komplett. Es war,  als ob man plötzlich den Strom abgestellt hätte. Jonsson blieb trotzdem bis zum 19. Mai 2011 als Saab CEO im Amt. Er, der altgediente GM Manager, muss gewusst haben, dass Saab ohne potenten Partner noch nicht einmal mittelfristig eine Chance hatte. Dass es ohne GM im Hintergrund keinen nächsten Monat, keine nächste Woche, kein Morgen geben würde.

2010 und 2011 gab es das Gerücht, dass Muller Saab nur an GM Partner BAIC hätte durchreichen sollen. Mit einem Aufschlag als Provision, versteht sich. Das Gerücht hielt sich lange. Jan Åke Jonsson hätte Detroits Aufpasser an Mullers Seite spielen können.

Das ist die einzigste Erklärung, die mir sinnvoll erscheint. Im Januar werden in Vänersborg Fragen gestellt werden. Auf die Antworten von Jonsson kann man besonders gespannt sein.

24 Gedanken zu „Rückspiegel. Viele Fragen an Jan Åke Jonsson.

  • 20. September 2016 um 7:41 PM
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    Spannender als Schwedenkrimis was bei SAAB in den letzten Jahren so los war.
    Leider ohne Happy end….

  • 20. September 2016 um 7:48 PM
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    Das ist harter Tobak.

    Wobei das mit dem BLS ja nicht von vornherein absehbar war. Also natürlich außer für Europäer.

  • 20. September 2016 um 8:20 PM
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    Spannend… Dass SAAB immer wieder belastet wurde mit Dingen die für andere Marken gemacht wurden war bekannt. Der BLS war mir aber nicht präsent.

    @thylmuc: Das mit dem BLS war absehbar. Wer wollte einen kompakten Ami mit Cadi Label? Kein Mensch!

  • 20. September 2016 um 8:40 PM
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    Ich hatte mir stets die Frage gestellt warum JAJ sich das antut. Sein Abgang war logisch und überfällig und er kam wahrscheinlich zu spät. Auch er hätte SAAB nicht retten können, höchstens durch den Einstieg von BAIC, der sich aber im Frühjahr 2011 zerschlagen hat. Den genauen zeitlichen Ablauf der Dinge im Hintergrund möchte ich gerne wissen.

  • 20. September 2016 um 9:10 PM
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    Nach diesem kompletten Versager-Team bei SAAB-Automobile hätten wenigstens die Insolvenz-Anwälte gute Arbeit abliefern müssen (die kassieren ohne Ende) – leider kam da wohl auch nichts mit Weitblick! Der Blick auf die eigenen Konten steht nach wie vor im Vordergrund.

    Sämtliche Akteure (einschließlich SAAB AB) haben die weltweite SAAB-Anhängerschaft links liegen gelassen – das scheint diesen Leuten aber völlig egal zu sein. Vielleicht haben wir aber doch noch Glück und NEVS stellt adäquate Automobile auf die Räder – der andere Name wäre dann doch kein Grund nicht zu kaufen.

  • 20. September 2016 um 9:36 PM
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    Danke für den Artikel, Tom! Die beiden DN-Artikel lesen sich wie ein Krimi. Allerdings konnte ich dort nichts von dem lesen, was Du unter “Saab finanzierte…” schreibt. Mag alles wahr sein und muss nicht illegal gewesen sein (was Du auch nicht behauptet). Konzerne sind eben gut in der Steuer Vermeidung, da gibt es viele Beispiele.

    • 20. September 2016 um 9:43 PM
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      Die Informationen zum Thema “Saab finanzierte…” kommen natürlich von ehemaligen Mitarbeitern die immer wieder auf das Thema kommen. Für GM war das eben die Möglichkeit Steuern zu sparen und letztendlich übernahm Detroit früher oder später den Ausgleich der Konten.

  • 20. September 2016 um 9:50 PM
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    Ich denke GM hat in Schweden auch das Opel Spiel spielen wollen. Zusätzliche Steuerersparnisse und/oder Vergünstigungen auf Kosten der Steuerzahler. Das Kostenverschieben in globalen Konzernen ist ja Usus und (leider?) kein Verbrechen.

    • 20. September 2016 um 10:08 PM
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      Natürlich alles absolut legal. Es ging mir darum etwas die Hintergründe aufzuhellen. Man hört ja stets Saab hätte nur Verluste eingefahren. Eben aus diesen Gründen.

  • 21. September 2016 um 12:55 AM
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    Natürlich alles legal, Apple verdient in Irland in erster Linie ja auch nur Lizenzgebühren, und irgendwie sind die Lizenzen eben dahin gekommen. Es stand auch schon an anderer Stelle (SPON oder FAZ), daß das Saab-GM-Konzern-Ergebnis (natürlich) steueroptimiert war.
    Aber Toms Artikel beleuchtet mit der Information über all die Lizenzzahlungen an Opel/GM noch einmal sehr schön, warum GM-Produkte sterben müssen, während ehemalige Ford-Produkte (Landrover-Jaguar / Volvo), beinahe gleichzeitig veräußert, eine Zukunft zu haben scheinen.
    Vielleicht kann man es so sagen: Ohne GM wäre das Ende eventuell bis wahrscheinlich früher gekommen, mit GM dafür sicher.

    • 21. September 2016 um 9:43 AM
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      Richtig gute Manager gab es für SAAB-Automobile durchgehend leider in kaum einer Zeitspanne.

      Diese wären wohl erst mit einem passenden Investor an Bord gekommen – leider auch hier nur Fehlentscheidungen durch GM bzw. Insolvenzverwalter.

      Wie ist eigentlich der Stand der Dinge hinsichtlich sog. Zweitmarke bei VOLVO – sollte sich hier doch etwas in Richtung SAAB bewegen?

      • 21. September 2016 um 10:37 AM
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        Das würde mich auch interessieren! Volvo nennt es angeblich Projekt “L”. Zum Pariser Autosalon (01.10.-16.10.) soll es neue Infos dazu geben. Man darf gespannt sein.

        • 21. September 2016 um 10:59 AM
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          Außer den Spekulationen eines Journalisten, der Volvo recht nahe steht, gab es nichts greifbares dazu. Eine “geheime” Präsentation für handverlesene Pressevertreter war im Frühsommer angesagt, aber man hat nie mehr davon gehört. Geely ist in Schweden sehr präsent, Li Shufu war erst vor einigen Tagen in Göteborg zu Besuch.

  • 21. September 2016 um 9:51 AM
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    JAJ als GM-Wachhund für die Kontrolle der planmäßigen Übernahme durch BAIC – das würde tatsächlich einiges erklären. Und wenn auch nur das über die ganze Zeit am Minenspiel bei öffentlichen Auftritten offensichtlich gespannte Verhältnis zu VM, der ja einen ganz anderen Traum mit Saab hatte. Und: CvK war unter Kenntnis der bisherigen Geschäftsentwicklung vollkommen zuversichtlich, dass Saab erfolgreich werden könnte. Er hat das Angebot erst dann zurückgenommen, als er die exakten Bedingungen von GM bekommen hat. Im Unterschied zu Ford wollte GM offensichtlich sicher gehen, das keine lebensfähige Hülle weitergegeben wird, aus der in der Zukunft dann vielleicht ein ernsthafter Konkurrent entsteht. Und so zog ja schon lange vor dem offensichtlichen Aus die Entwicklungsabteilung von Saab nach Rüsselsheim um…

    • 21. September 2016 um 10:19 AM
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      Ernsthafter Konkurrent?

      Das halte ich für stark übertrieben. Eine solche Angst gab es bei GM nicht. Ich glaube der Anlass für die Vernichtung von SAAB ist ein viel geringerer und liegt einzig im Ego der GM-Manager. Wenn man eine Marke für gescheitert erklärt, will man auch recht behalten.

      • 21. September 2016 um 3:07 PM
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        …klar meinte ich damit nicht, dass da ein Massenhersteller entstehen könnte, sondern vielmehr dass sich aus Saab ein innovativer Nischenhersteller etabliert, der den Großen in einigen Punkten zeigt wo der Hammer hängt. Mit CvK, seinem Geschäftssinn und dessen Erlauben von eigenständigen Lösungen hätte das wohl auch geklappt – mit VM war das halt eher unwahrscheinlich aber auch da hatte GM ja eine kräftige Notbremse eingebaut. Ich denke das GM nur deshalb den Stecker gezogen hat weil sie der Überzeugung sind, das der Part von Saab durch Opel abgedeckt werden kann – und da würde eine existierende Ex-GM-Tochter mit einem mittlerweile ausgereiften und weiterentwickelten 9-5 NG und 9-4 X mit effizienten Turbodiesel sicher stören. Meine Meinung – besonders wenn ich mir die aktuellen Prototypen mit GG-Nummernschild hier im Rüsselsheimer Raum so ansehe, die oberhalb der aktuellen Modelle rangieren dürften…

  • 21. September 2016 um 10:07 AM
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    Das sind zwei sehr interessante Artikel.

    Die Beteiligung SAABs an der schwedischen Volksmotorisierung war eine Erfolgsgeschichte. Aber dann?
    Den Sprung vom pfiffigen Rüstungsunternehmen, das nach dem Krieg mit Restfarbe lackierte Autos auf den Markt bringt, hin zu einem Automobilkonzern hat SAAB nie gemacht.

    Es erscheint mir immer wunderlicher, dass es SAAB-Automobile überhaupt so lange gab. Aber schön, dass es so ist. Und schön, dass nicht schon mit dem 9000 Schluss war.

    Für die heutige SAAB AB aber stellt es sich inzwischen wahrscheinlich genau so dar. Sie hatten eine Episode Automobilbau, die mit dem 9000 endete. Dass man nach GM und VM nochmals Namensrechte an NEVS vergeben hat, wird mit Sicherheit als Fehlentscheidung empfunden.

  • 21. September 2016 um 1:04 PM
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    Li Shufu würde den weltweiten SAAB-Enthusiasten einen riesigen Gefallen tun, wenn er für SAAB-Fahrzeuge sorgen würde, die den Namen auch verdienen.

    Er scheint ein geschicktes Händchen zu haben und dürfte auch bezüglich Namensrechten höchst willkommen sein – bin mal gespannt, ob Geely etwas daraus macht. Mittlerweile sind sich doch vermutlich auch die letzten NEVS-Anhänger nicht mehr sicher, ob da wirklich Autos kommen, die eine Alternative für SAAB-Automobile wären!

    • 21. September 2016 um 10:31 PM
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      Es wäre eine Sensation wenn Volvo- Geely SAAB wieder auf die Straße hilft.
      Wenn wie beschrieben 2017 schon neue Fahrzeuge verkauft werden sollen, müssen irgendwo Produktionsvorbereitungen getroffen werden und Prototypen umherfahren. Bisher kamen die kompakteren Volvos aus dem Werk Gent in Belgien. Wenn in Europa das Projekt “L” gefertigt werden soll dann wird es wahrscheinlich von dort kommen. Hat denn bisher ein Erlkönigjäger einen Prototypen gesichtet. Meines Wissens nicht…
      Außerdem – Volvo müsste wahrscheinlich genauso Lizenzgebühren für den Namen SAAB bezahlen wie NEVS bei SAAB AB hätte bezahlen müssen. Oder gibt es eine Abmachung zwischen Volvo und SAAB AB und der Preis wurde für NEVS künstlich in die Höhe getrieben so das NEVS Nein sagen musste? Auszuschließen ist das gegenwärtig nicht.
      Wenn wie beschrieben Projekt “L” – Autos kompaktere Modelle sein sollen, warum sollten sie SAAB heißen? SAAB war nie in der Kompaktklasse unterwegs. Irgendwie passt das nicht.
      Was ist eigentlich mit dem Markennamen DAF? Der Volvo 340 wurde ursprünglich als DAF entwickelt und nach der Übername als Volvo verkauft.
      Das alles ist zu spekulativ. Ich glaube das ganze ist eine große Luftnummer und an der Sache ist nicht viel dran. Vielleicht sind oder waren es Gedankenspiele von Volvo um die Produktion zu steigern.
      Solange nichts genaueres bekannt ist hoffe ich an die Wiedergeburt durch NEVS auch wenn der alte Name leider nicht mehr genutzt werden darf.

      • 22. September 2016 um 9:52 AM
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        Ich glaube nicht an die Geschichte, aber sie wäre eine Sensation. Es geht um Fahrzeuge auf der CMA Plattform von Volvo/Geely, in einer Klasse wo auch der Saab 9-3 ist. Das alles ist extrem spekulativ…

    • 22. September 2016 um 4:09 PM
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      Es gibt NEVS Anhänger?

      • 23. September 2016 um 7:15 AM
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        Ich glaube dazu wären die fähig, ohne lange Entwicklungszeit welche zu bauen. Ich meine die Anhänger, die man sich an die Kupplung hängt um etwas zu transportieren.

  • 21. September 2016 um 3:23 PM
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    Da ich nun fast seit einem Jahr notgedrungen Volvo fahre, kann ich mir sehr wohl vorstellen auch mal einen Saab made by Volvo zu kaufen. Dem Gerücht zu Folge soll die zweite Marke zwar unterhalb von Volvo positioniert werden, aber keine Billigmarke werden. Ungefähr wie im VW Konzern das Verhältnis von Audi zur Kernmarke VW. Ich denke keiner würde einem VW einen gewissen Qualitätsstandart absprechen wollen, oder gar VW als Billigmarke bezeichnen. Wenn man dann in Qualität und vor allem Design an Saabtraditionen anknüpft, glaube ich mit Sicherheit wäre das Comeback der Marke Saab unter Volvo bzw. Geely Regie die bessere Alternative vor allem nachdem NEVS was das fortschreiben der Saabgeschichte betrifft nun endgültig gescheitert ist. Mein Volvo ist kein Saab. Ich würde ihn mal einfach gesagt als einen konservativen Saab bezeichnen, aber ich habe mich mittlerweile an ihn gewöhnt und durchaus auch mit ihm angefreundet. Und auch bei Volvo kann man so manche praktische Kleinigkeit finden, die man sonst nirgends findet. Beispielsweise die Parkscheinklammer an der Windschutzscheibe. Ich würde mir wünschen, dass sich dieses Gerücht bewahrheitet.

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