Es war einmal in Trollhättan…

Es muss 1986 oder 1987 gewesen sein, als ich das erste Mal durch Trollhättan kam…mitten in der Nacht, auf dem Weg nach Stockholm. Von Saab wusste ich nicht mehr, als dass die Marke schwedisch war. Die Saab Fabrik? Ohne Belang. Als Reiseziel wurde die Stadt erst 2010 interessant. Ausgerechnet die drohende Schließung und der Neustart unter Victor Muller rückte das Werk in den Fokus.

Herbstliche Morgensonne, das Werk im Oktober 2011
Herbstliche Morgensonne, das Werk im Oktober 2011

Das Saab Festival diente als Anlass, der 9-5 durfte auf Besuch zurück in die Heimat. Die Strassen waren zum Fest voll mit Saabs, Zweitakt- und Turboklang lag in der Luft. Nie mehr danach würde die Stadt so voller Saabs sein. Das Werk – eine Art heiliger Ort für die Fans aus der ganzen Welt. Nüchtern betrachtet war es das natürlich nicht. Die Strassen um das Gelände voller Schlaglöcher, die Gebäude im Stil der 80er Jahre, der Schotterplatz vor dem Werk Teil der Natur. Uns war das egal ! Fasziniert standen wir am Zaun und sahen,  wie alle paar Minuten ein neuer 9-5 nach dem anderen vom Band lief.

Hätten wir damals schon gewusst, dass jedes neu produzierte Fahrzeug automatisch in den Besitz einer GM Finanztochter überging, hätten wir geahnt,  dass Detroit Saab keine Luft zum Atmen ließ. Wir wären weinend davongerannt.

Trollhättan, Saab Werk, Oktober 2011

In der schwedischen Herbstsonne entwickelt die Fabrik eine fast poetische Schönheit. Es schläft, das Saab Werk. Keine Produktion, keine Mitarbeiter, nur ein Mann vom Wachdienst erwartet uns. Der Kampf um Saab ist auf dem Höhepunkt, wir holen die Fahrzeuge für die Saab Händlertour.

Noch schnell ein Bild vor dem Hauptportal, ein Foto vor der riesigen Saab Pylone,  die so mächtig für alle Ewigkeit gebaut scheint. Die beiden Saab 9-5 Sportkombis sind Fahrzeuge der Vorserie. Im Normalfall werden sie ein kurzes Leben haben, und dass sie nach Deutschland reisen dürfen,  ist eine Ausnahme in turbulenten Zeiten. So denken wir. Dass es weiter nach Frankreich und Spanien gehen wird, dass beide Kombis das Werk und die Marke überleben werden, das ist eine Verrücktheit der Saab Geschichte. Aber das ahnte damals keiner.

Rund um die Saab Fabrik, April 2012

Die Insolvenzverwalter haben mittlerweile das Sagen im Werk. Sie halten die Lackierstrasse im Standby Modus, sie sammeln weltweit Saab Fahrzeuge und Prototypen ein. Auf dem Schotterplatz vor dem Werk treffen sich Saabs aus der Erprobung, der Vorserie. Es sind seltene Fahrzeuge darunter; Farben,  die wir noch nie zuvor gesehen haben, ganz viel verpasste Chancen.

Mark und ich laufen um das Werk. Hauptportal, Schotterplatz, Nordportal. Die Strasse zwischen Flugfeld und Presswerk, bis nahe an den Göta Älv. Der Wachdienst macht sich Stress, der Skoda des Sicherheitsdienstes lässt uns nicht aus den Augen. Er hätte es auch einfacher haben können. Einen ausgedehnten Spaziergang mit zwei verrückten Deutschen, wir hätten ihn mitgenommen.

Die Sache ist traurig. Die meisten Fahrzeuge, darunter neue Turbo X und Cabrios, werden verschrottet. Aus den 9-5 Rohkarossen werden niemals Autos gebaut werden.

Die Saab Fahnen wehen. Juni 2012.

Die wehenden Saab Fahnen erwecken den Eindruck, dass alles in Ordnung ist. Ist es nicht, die Fabrik ist an NEVS verkauft. In Trollhättan sind die Reaktionen verhalten. Aufbruch oder Jubel, nichts davon ist wirklich zu spüren. Vielleicht eine Ahnung, was fast auf den Tag genau 4 Jahre später sein wird. Dann wird NEVS den Saab Schriftzug vom Werk holen.

Aber noch ist es nicht soweit. Sommer, Sonne, Saab Fahnen im Wind. Und Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Mai 2013. Saab Festival.

Das Werk als Kulisse. Mehr ist es nicht. Fans fahren zum Hauptportal, machen ein Erinnerungsfoto. Im Vorfeld gab es Gerüchte. NEVS würde das Festival nutzen,  um neue Produkte zu zeigen. Nichts passiert, das Werk bleibt geschlossen, der Parkplatz vor dem Werk dient als Rennstrecke an diesen Tagen.

Rund um das Fabrikgelände muss man nicht laufen. Man könnte, aber es bringt nichts. Weil nichts zu sehen ist, weil alles aufgeräumt ist. Die Sichtachsen sind mit Containern verstellt, das Gelände ist wie eingemauert.

Dezember 2013. Neustart im Werk.

Wie ist das mit der Hoffnung? Sie stirbt zuletzt, aber sie stirbt zuverlässig. Zuvor gibt es noch ein kurzes Hoch, in der Pflanzenwelt spricht man von einer Angstblüte. Das Werk erwacht zu neuem Leben nach langer Zeit. Eine Ministerin, die nicht mehr im Amt ist, fliegt aus Stockholm ein. Repräsentanten aus China und lokale Politprominenz. Zulieferer aus Deutschland werden in Bussen durch die Stadt gefahren, der Aufbruch ist da.

Natürlich wollen wir daran glauben, und wir wollen dabei sein. Flugticket, Mietwagen, Hotel gebucht. Und tatsächlich: NEVS liefert eine große Inszenierung und es fahren die ersten neuen Saabs vom Band.

Finaler Besuch. Saab Festival 2015

Irgendwie müssen wir die Lust und vielleicht auch die Hoffnung verloren haben. Mark und ich waren in der Vergangenheit immer wieder in Trollhättan, aber die Besuchsfrequenz sank mit den Jahren. Es geht uns da vielleicht wie vielen Schweden, die innerlich ihren Abschluss mit der Saab Geschichte gemacht haben.

Zum Festival 2015 öffnete NEVS die Tore zum Saab Werk, speziell zum Powertrain-Komplex, der so viel Saab Geschichte der 80er Jahre birgt. Der 9000 ist in den Räumen immer noch so präsent, als wäre er gestern erst konstruiert worden. Eine tolle Geste gegenüber den Fans, auch wenn der Zustand der Labore eine klare Sprache spricht. Investitionen stehen an, wenn man zukünftig in der ersten Liga spielen möchte.

Bereits 2015 gab es das Gerücht mit den Saab Schriftzügen, die abmontiert werden sollten. Sie blieben oben. Weitere 12 Monate.

17 Gedanken zu „Es war einmal in Trollhättan…

  • 24. Juni 2016 um 11:05 AM
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    Schwanengesang über eine Automobilwerk in Trollhättan.
    Die emotionale Zusammenfassung über die letzten Jahre zeigt noch einmal schmerzlich das “Sterben” auf Raten.
    Die Realität jetzt heißt: die Welt dreht sich ohne neue SAAB´s weiter. Abschied ist immer schwer.

    Ob Trollhättan als Werk bestehen bleibt??? NEVS muss erst “liefern” !

    • 24. Juni 2016 um 12:06 PM
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      Das Werk wird bleiben, es sieht so aus dass NEVS “liefern” wird. Erste Details des sehr interessanten Treffens im Werk am Mittwoch, wo Mark und ich leider nicht dabei sein konnten, klingen vielversprechend. Einer der Teilnehmer wird in den nächsten Tagen einen Beitrag für den Blog liefern.

  • 24. Juni 2016 um 11:26 AM
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    unser erster SAAB war gefühlt auch nur ein Auto, nun ist SAAB fast ein Lebensgefühl, zumindestens im automobilen Bereich und nichts da was auch nur annähernd SAAB ersetzten könnte.
    Das Interesse an den Saabresten ist bei mir deswegen auch hoch, also bitte weiter berichten was NEVS und ander aus den Resten schmieden. Es scheint mir ja fast wie mit dem Bauhaus was 1933 aus Deutschland vertrieben wurde und dessen Ideen sich dadurch die weltweit verbreiteten. Vielleicht gibt es bald mehr SAAB als je zu vor!

  • 24. Juni 2016 um 11:34 AM
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    Sehr gute Zusammenfassung von die letzte Jahren aber leider mit ein entgueltiges Ende fuer Saab Neuwagen.

  • 24. Juni 2016 um 11:42 AM
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    Sehr schade alles. 🙁

    Aber z.B. dank der “Saab Händlertour” (höchstwahrscheinlich) bin ich ja überhaupt noch bei der Marke! Und das fast “hartnäckiger” als vorher.
    Hatte also auch (zumindest für mich pers.) etwas “Gutes”! 😉

  • 24. Juni 2016 um 12:06 PM
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    Sind die weißen Prototypen vor der Erprobungswerkstat Buicks oder 9-5 Mulettos?

    • 24. Juni 2016 um 12:07 PM
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      Sind 9-5.

  • 24. Juni 2016 um 12:09 PM
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    Hallo an Alle,

    das macht mich echt irgendwie sehr traurig. 🙁

    Dann hoffen wir, dass uns Orio nicht beim Erhalt der noch verfügbaren Fahrzeuge im Stich lässt!

    “Hätten wir damals schon gewusst, dass jedes neu produzierte Fahrzeug automatisch in den Besitz einer GM Finanztochter überging, hätten wir geahnt, dass Detroit Saab keine Luft zum Atmen ließ.”
    Gibt es dazu eigentlich noch etwas mehr an Informationen?

    • 24. Juni 2016 um 1:00 PM
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      Orio steht ohne jeden Zweifel hinter Saab, wir sind in permanenter Kommunikation in den letzten Tagen gewesen. Eventuell meldet sich Orio noch mit einer Pressemeldung. Auch wird Orio Deutschland unsere Saab Sommeraktion, die in den nächsten Tagen starten wird, aktiv unterstützen 😉

      Zu GM und Saab: Es gab eine Globalzession zwischen Saab Automobile und Ally Financial. Jedes gebaute Fahrzeug ging automatisch in den Besitz von Ally über, die finanzielle Abhängigkeit war damit total. GM konnte nach Belieben Forderungen gegenrechnen, was man gegenüber den Insolvenzverwaltern später auch tat, der Spielraum für Saab war Null. Bevor jemand über GM schimpft: Vernünftige und erwachsene Menschen haben diese Verträge ohne Zwang geschlossen, Muller hätte ebenso ablehnen oder neu verhandeln können.

  • 24. Juni 2016 um 12:16 PM
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    Ich kaufte mir 2010 meinen ersten SAAB, einen 9-5 2.3t Kombi der 10 Jahre alt war aus Zufall, jetzt habe ich einen 2007er 9-5 AERO, ist leider sehr viel GM drin, aber er ist einfach spitze.
    Als ich damals den Kombi kaufte erfuhr ich erst, das es um SAAB schlecht stand. Seit dem bin ich SAAB Fan und werde immer weiter Saab fahren solange es noch geht.
    Ich verfolge schon seit langem verschiedene SAAB- Blogs mit großem Interesse und bin zwar traurig dass es keinen neuen SAAB mehr geben wird in ( zumindest in naher Zukunft) aber ich glaube auch, dass es besser für NEVS ist deren neue Projekte unter einem neuen Namen zu vermarkten.
    Wer weiss, vielleicht werden irgendwann ja doch wieder SAAB entstehen, siehe bei Maybach, oder gerade in der Fahrradbranche Victoria, Kreidler, Adler, u.s.w.

  • 24. Juni 2016 um 12:39 PM
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    This is a new start, a good one, EVs are the future.
    And I think It’s not illegal to put any kind of logo you want on The car you drive.
    As Long It’s a safe, fun to drive, good looking and good quality car with Saab gens.

    • 27. Juni 2016 um 12:23 PM
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      LONG LIVE (every) SAAB (out there). AND LONG LIVE ORIO.

      Honestly, spare parts and upgrades for existing SAABs are now of much more interest to me than a company, taking no interest in SAAB owners at all …

  • 24. Juni 2016 um 1:39 PM
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    Ich hatte das große Glück – von den Firmenwagen mal abgesehen – meine ganzes Autoleben Saab fahren und besitzen zu dürfen. Sicherlich hätten wir gewusst, dass es irgendwann keine Neuwagen mehr gibt – den einen oder anderen wahrscheinlich fast alle hätten wir behalten und niemals abgeben. Angefangen hat alles mit einem der letzten 96iger, später kamen mehrere Saab 90, danach drei klassische Saab 900 bevor ein Saab 9000 CC und ein 9000 CS Einzug hielten. Darauf folge ein Saab 9-5, den wir immer noch fahren. Selbst meine Verlobte konnte ich mit dem Saab Vierus anstecken – sie fährt ein Saab 9-3 Cabrio Bj 2009. Für uns ist es unvorstellbar irgendwann keinen Saab mehr vor der Tür oder gar in der Garage zu haben

  • 24. Juni 2016 um 2:37 PM
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    Wenn sich auch Traurigkeit auftut beim Lesen ist es doch wieder gut geschrieben.
    Jeder von uns, der schon einmal in Trollhaettan war wird seine Bilder in Ehren halten.
    Einmal seinen Saab vor dem Werk oder am überdimensionierten Saabschriftzug fotografiert zu haben, das ist was! Bei der Saab Promotions Tour den 9.5 und 9.4X gesehen zu haben das bleibt.
    In meiner Familie gibt es seit wenigen Tagen einen”neuen” Saab.
    Nachdem es mit einem 9000 er nicht geklappt hat, haben Mein Sohn und Freundin letzte Woche einen 9.5 Sportcombi mit Chrombrlle gekauft, schwarz mit hellem Leder ein Traum.
    Halten wir das was wir haben in Ehren. Man wird uns beneiden, auf jeden Fall bei dem nächsten Treffen und unseren Ausfahrten.

  • 25. Juni 2016 um 2:42 PM
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    Ach was bin ich froh noch im 2014 in Trollhättan gewesen zu sein und den mächtigen SAAB Schriftzug noch auf dem Gebäude trohnen gesehen zu haben!

  • 27. Juni 2016 um 10:44 AM
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    Bei Menschen freut es mich, wenn die Meldung heißt …

    “ÜBERRASCHEND”

    oder

    “NACH KURZER, SCHWERER KRANKHEIT”

    Natürlich freue ich mich nicht, weil jemand gestorben ist, sondern weil dieser Person und ihrer Freunde und Angehörigen ein langer Leidensweg erspart blieb und sie das Leben bis kurz vor Schluss genießen konnten. Der Weg von SAAB war wahrlich ein anderer.

    Die Händlertour in allen Ehren. Es war eine Not-OP, die Hoffnung auf den neuen SC und 9-4X machte und darauf, dass es weitergehen könnte …

    Aber ab da sind die “Angehörigen” (alle SAAB-Enthusiasten) eigentlich nur noch verschaukelt worden. Der Patient war tot.

    Bis zur vollständigen Entnahme und Verwurstung verwertbarer Organe durfte das nur niemand wissen …

    • 27. Juni 2016 um 2:05 PM
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      Auf den Punkt gebracht! Super!

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