Captain Future

Juni 2021. Flughafen Frankfurt/Main. Das Saab 900 III EV stoppt am Terminal 1 AB. Kurz vor Boarding Time…es steht mein Flug nach Mailand im Terminplaner. Während ich zu Gate A1 eile, startet mein Saab ohne Passagier nach Frankfurt. Der große Service ist fällig, Kühlflüssigkeiten für Klimaanlage und Akkus müssen erneuert werden.

Captain Future
Captain Future

Mein 900 III EV Fließheck Griffin Edition ist jetzt 3 Jahre alt, er war einer der ersten rein elektrischen Saabs,  die in Trollhättan vom Band liefen. Damals, 2018, konnten Saabs noch nicht voll autonom fahren. Man musste sein Fahrzeug selbst zum Check-up bringen, was im Rückblick verlorene Zeit war. Durch ein umfassendes, kostenpflichtiges Update vom Dezember 2020 fährt der Saab voll autonom und kann seinen Besitzer an fast jedem Ort Europas abholen. Falls es dort die notwendige Infrastruktur gibt, denn es gibt  in den südlichen Krisenstaaten der Union immer noch große Lücken.

Seit dem Oktober 2016, als NEVS völlig überraschend die Lizenz für den Saab Markennamen zurückkaufte, hat sich weltweit viel getan. Mit dem Geld der Bank of China im Rücken investierte Trollhättan in das Comeback. Ein Beispiel ist Frankfurt. Im neu gebauten Diagnosezentrum – die Örtlichkeiten mit ihren cleanen, hochglanz-weißen Böden und klimatisierten Hangars erinnern an ein Designstudio – werden die schwarz gekleideten Techniker von Gérard Ratzmann mit einem temporären, elektronischen Schlüssel mein Auto öffnen. Sie werden den Service durchführen; der Saab wird anschließend Frankfurt autonom verlassen und den Airport ansteuern. Sich einen Parkplatz auswählen, während der Ruhephase günstigen Ökostrom zwischenspeichern, mich am Abend am Ausgang von Terminal 2 erwarten.

Direkt neben dem Diagnosezentrum befinden sich die ebenfalls neu errichteten Hallen für klassische Saabs. Sie sind im Retro-Stil der 90er Jahre gehalten, alte Verbrenner erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Frankfurt ist, neben Kiel und Stuttgart, eines von 3 deutschen Klassiker-Zentren, die vom Hersteller, der das ertragreiche Geschäft mit Klassikern zu schätzen weiss, selbst geführt werden.

Der Flug nach Mailand dauert eine gute Stunde. In Malpensa steht ein nagelneuer Saab 91 EV Viggen bereit. Wow ! Der Viggen ist neu auf dem Markt, NEVS hat die alten Namen neu belebt und dafür der Saab AB eine Menge Lizenzgelder bezahlt. Die Lieferzeiten sind elendig lange. Der Erfolg gibt den Schweden mit chinesischen Finanziers recht. Die Warterei an Schaltern der Autovermietungen gehört der Vergangenheit an. Der NEVS Server hat meine Ankunftszeit mit dem des Mobilitätsdienstleisters in Italien abgeglichen, der Mietwagen steht am Ausgang bereit.

Mein Smartphone übermittelt den elektronischen Schlüssel, der Viggen öffnet berührungslos und gibt den Blick auf die Replikas der Original Viggen Sitze und das Interieur frei. Seit Volvo 2017 erstmals komplett auf konventionelle Schlüssel verzichtete, sind sie rasant vom Markt verschwunden. Heute, 4 Jahre später, gilt es in gewissen Kreisen als Statussymbol,  einen Autoschlüssel auf den Tresen legen zu können. Porsche bietet seit Monaten Retroschlüssel an, Saab überlegt das ebenfalls zu tun – für einen königlichen Aufpreis.

Der 91 ist auf Wunschtemperatur klimatisiert, kennt meine Reiseziele, meinen Tagesplan und projiziert das Lieblingscockpit in den Innenraum. Er rollt voll autonom auf die Autobahn, die Maut wird per App bezahlt, und während er mir die aktuellen Mails vorliest,  wird die Umgebung immer ländlicher.

Ja, da war die Sache mit dem Datenschutz. Es ist wirklich schon sehr lange her, aber 2016 regte sich der ADAC auf, dass von Herstellern Parameter wie Parkpositionen, Belegung der Sitzplätze, Geschwindigkeiten und aufgerufenen Webseiten gespeichert werden. Dieser Kinderkram ist Schnee der letzten Eiszeit. 2021 wird Werbung in die Displays eingeblendet, die Durchfahrt bei Einkaufszentren verlangsamt, subventionierte EV`s legen Stopps vor den Media Märkten oder amerikanischen Fast Food Restaurants ein.

Lästig, aber das trifft ohnehin nur Besitzer günstiger Elektroautos aus chinesischer Produktion, die dabei sind,  Opel und Ford sprichwörtlich den Stecker zu ziehen. Alternativ kann man sich bei einigen Herstellern frei kaufen. Oder man besitzt, so wie ich, die “Black Pilot Card” von Saab. Damit ist jeder Saab werbefrei, man bekommt alle Premium Updates kostenlos, und streamt ein unbegrenztes Datenvolumen. Das kostet nicht wenig, im Normalfall. Für mich, als Saab Blogger, ist die “Black Pilot Card” kostenlos. Eine nette Geste der Schweden zum Blog Jubiläum im Februar 2021.

Ich nähere mich meinem Ziel. Zwischen zwei Dörfern, die Gegend ist jetzt wirklich sehr ländlich, gibt es eine kurze, freie Strecke mit herrlichen Kurven. Ungünstig, dass auch dort Tempo 50 geboten ist. In alten Verbrenner-Zeiten gab ich immer Gas, liess den Saab Turbo fliegen. Den Carabinieri, die nach dem Bahnübergang auf Beute lauern, dürfte das nicht gefallen haben. Sie schwenkten regelmäßig die rote Kelle, um sie dann beim Erkennen der deutschen Zulassung diskret hinter dem Rücken verschwinden zu lassen.

Das ist eben Italien… Tedesco? Gibt nur Scherereien…

Heute rollt der 91 Viggen mit exakten 50 Stundenkilometern an den gelangweilten Gesetzeshütern vorbei. Der Charme der Verbrennerzeit ist vergangen. Schade ! Am Ziel muss ich dem Elektroauto einen Parkplatz suchen, die Infrastruktur in Italien ist ausserhalb der großen Städte unterentwickelt und unzuverlässig. Auch das Anfordern des Fahrzeugs via App sollte man nicht in Erwägung ziehen. Das funktioniert in Mailand, aber nicht auf dem Land.

Zwei Stunden später, der Termin ist erledigt, geht es zurück nach Mailand. In seinem Büro in der Viale Bligny wartet ein Freund aus Schultagen. Kurze Zeit für einen Espresso und das Gespräch mit einem Freund,  den ich leider nicht oft sehe. Der Saab sucht sich seine Parkgelegenheit, ich genieße währenddessen Gastfreundschaft und italienische Dolce.

Während wir reden kommt eine Nachricht aus Trollhättan. Die Beta Version der 1978er Saab 99 Turbo Emulation stände zum Download bereit. Ob ich nicht für den Blog testen wolle? Ich sage zu und gebe die Software für meinen 900 III EV frei. Während ich den Viggen Leihwagen zur Weiterfahrt anfordere, freue ich mich schon auf die nächtliche A3 und die Fahrt nach Süden – mit Turbo und Handschaltungsemulation.

Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel
Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel

In Malpensa fährt mich der 91 EV Viggen zum Abflugterminal. Früher war die Tour durch die Mailänder Innenstadt und die Autobahn ein kleines Abenteuer. Heute lässt man sich fahren, die Autos wählen die optimale Route. Alles ist viel entspannter, produktiver, aber auch langweiliger. Zum Abschied lösche ich den elektronischen Schlüssel und setzte die Safe Erase Prozedur in Gang. Eine Beta Version, von der man bei NEVS sagt, sie lösche alle Nutzerdaten zuverlässig.

Der Flug nach Frankfurt verläuft erwartungsgemäss ruhig. Am Ausgang von Terminal 2 wartet mein Saab 900 III EV Fließheck. Die Saab 99 Turbo Emulation ist bereits geladen. Der Turbo brabbelt lässig im Stand. Täusche ich mich, oder riecht es im Innenraum ganz leicht nach Benzin und verbranntem Öl? Hmm… Ich nehme mir vor,  bei NEVS nachzufragen.

Manueller Modus oder autonom,  fragt mich der virtuelle Saab Pilot. Ich muss lächeln. Manuell natürlich. Was sonst ?  Und mit Turbopfeifen verschwinden Saab und Blogger in der lauen Sommernacht…

Fiktion & Wirklichkeit: Natürlich gibt es keinen Saab 91 EV Viggen, kein Saab 900 III EV Fließheck, keine Black Pilot Card, kein Rückkauf des Markennamens. Und NEVS würde mich niemals die Beta Version der Saab 99 Turbo Emulation oder die Safe Erase Funktion testen lassen.

Es gibt aber den Mailänder Vorort, den Bahnübergang, die Carabinieri und das lässige Verhalten,  wenn ein Fahrzeug mit deutscher Zulassung die Regeln bricht. Italien eben, der perfekte Charme eines Landes,  das gar nicht perfekt sein will. In allen anderen Dingen ist der Artikel reine Fiktion, ausdrücklich ohne jegliche Bedeutung, und alleine der Freude am Schreiben geschuldet.

20 Gedanken zu „Captain Future

  • 7. April 2016 um 11:48 AM
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    schöne Geschichte !! Hätte was, wenns war wäre 🙂

  • 7. April 2016 um 11:58 AM
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    Schön!

  • 7. April 2016 um 12:00 PM
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    Für einen Moment habe ich geglaubt, dass das war werden könnte. Was für eine Vorstellung. SAAB Downloads für die zukünftigen Elektroautos. Ob Geräusche oder Armaturenbrettanimationen, das wäre großes Kino. Geruch wäre die Kuppe, aber nicht undenkbar. Hoffentlich hat das jemand von SAAB AB und NEVS mitgelesen. Ich schaue auf, vor mir die Vitrine mit den ganzen 900 ern, 96 ern, 93 ern und 95 ern. Die Zeit des Wartens ist schon so lang. Zu Hause heute erst mal wieder in den guten alten 900 er setzen und ne Runde drehen.

    Was wäre das für eine Freude, wenn eine solche Vision war würde.

    Gruß vom Erik und danke für den verträumt schönen Saabmoment.

  • 7. April 2016 um 12:05 PM
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    Ein sehr inspirierender Artikel, der den NEVS Verantwortlichen hoffentlich eine Vision bietet. Einziger Kunstfehler, im Jahr 2021 werden die Flüge nach Mailand vom Terminal 3 starten 🙂

  • 7. April 2016 um 12:10 PM
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    Das ist ganz köstlich zu lesen und eine sehr schöne Vision!

    Eine Hälfte habe ich schon. Die andere hebe ich mir für morgen
    auf. Oder kommt da schon wieder was neues auf dem Blog?

    • 7. April 2016 um 1:10 PM
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      Morgen gibt es nur ein sehr kompaktes Posting 😉

      • 8. April 2016 um 11:05 AM
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        Auch die 2. Hälfte ist toll geschrieben …

        Die Vision ist in sich schlüssig und plausibel, aber so schön dann doch nicht – eben die totale Vernetzung. Das beste an ihr ist, dass es eine Zukunft mit SAAB, Werbeblocker und Safe-Eraser ist.

  • 7. April 2016 um 12:18 PM
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    Was wäre, wenn das wahr würde…?
    Herzzerreissend schön geschrieben…

  • 7. April 2016 um 12:38 PM
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    Hätte zum 1 April gepasst. War aber eine gute Idee.

  • 7. April 2016 um 1:16 PM
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    und schwupps war die Mittagspause das bisherige Highlight des Tages 🙂

    Danke dafür!

  • 7. April 2016 um 1:30 PM
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    … und dann bin ich wach geworden.
    Ich schaue aus dem Fenster meines Büros, die Sonne scheint und mein 9.3 CV steht immer noch da, wo ich ihn abgestellt habe. Im manuellen Modus natürlich.

    Erschreckend fand ich die Passage:

    „wird Werbung in die Displays eingeblendet, die Durchfahrt bei Einkaufszentren verlangsamt, subventionierte EV`s legen Stopps vor den Media Märkten oder amerikanischen Fast Food Restaurants ein….“

    Ich denke da an private Fernsehsender, kostenloses Internet, … etc. Das haben wir schon.

    Aber eine tolle Geschichte.

    • 7. April 2016 um 7:51 PM
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      Diese Passage soll Wirklichkeit werden. Zumindest überlegt man das ernsthaft bei den Mobilitätsanbietern.

  • 7. April 2016 um 1:38 PM
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    Oh, tönt gut, eben fast zu gut um wahr zu werden! Ich stelle mir das Gedränge vor gate 2 vor, wenn all die Rückkehrer von ihren EV Autos vor der Türe erwartet werden!! Und jeder blinkt wie wild und will seinem “Chef” zeigen, ich bin hier…., köstlich.

    Mir hätte übrigens ein Viggen auf der Basis eines dreitürigen Coupes der letzten 93er Reihe gereicht! Was wäre das für ein Hammerauto geworden…..

  • 7. April 2016 um 1:40 PM
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    Hast du irgendwas geraucht oder eingeworfen??? 😉
    Trotzdem schön zu lesen…..

  • 7. April 2016 um 4:03 PM
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    Schön zu lesen, trotzdem gruselige Vision. Ich hoffe, dass meine Saab, manuell und turboverbrennungskraftgetrieben, mich bis ans Ende meiner Tage geleiten. Autonomes Fahren? Da kann ich auch in einen Zug steigen.

  • 7. April 2016 um 4:39 PM
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    Koestlich, Tom, das ist Zukunft den ich hoffe wirklichkeit werden koennte.

  • 7. April 2016 um 5:07 PM
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    Beim Lesen von “Captain Future” kam bei mir das Schmunzeln zurück, trotz des “Hinterachs-Hammers” an meinem 9-3X von heute Morgen…Ein herzliches Dankeschön dafür lieber Tom 🙂

  • 8. April 2016 um 8:49 AM
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    Eine Möglichkeit, der Vision…
    Zitat: Autonomes Fahren? Da kann ich auch in einen Zug steigen.
    Jawohl! Und dort kann ich mich bewegen, wenn ich das Gefühl habe, es tut mir gut. 🙂
    Dort kann ich mit Menschen in Kontakt kommen, wenn ich es möchte/signalisiere. Solange das “Bedürfnis” nach analogem Austausch noch vorhanden ist…
    Diese Art der Vision soll uns aufzeigen, was “für den User möglich ist”.
    Mit dabei ist womöglich reichlich “Fremdbestimmung” von der Wirtschaft, was MEINEM Interesse überhaupt nicht entspricht. Die Wirtschaft verkauft uns dann Individualit, die keine ist. Es ist und bleibt Marketing=Verkauf.
    Das hat mit meiner Verstelleung, das Leben angenehmer zu gestalten, nichts, aber auch gar nichts zu tun.

    So hoffe ich, dies bleibt eine Vision.
    Eine Vision, an der der Verfasser seinen Spass hatte und an der sich die Ingenieure/IT-Spezies “reiben”.
    Ich gehe jetzt raus in den kühlen Frühling, statt mir schicke Bilder von Frühblühern auf dem Tablet anzuschauen… 😉

  • 8. April 2016 um 9:04 AM
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    Toll geschrieben, manches lässt einem das Wasser im Munde zusammenlaufen, anderes wiederum schreckt ab.
    “big brother is watching you”

  • 8. April 2016 um 3:06 PM
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    Egal welches Rauchwerk das war, ich hätte auch gerbne eine Prise davon…

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