Schritt für Schritt. In Richtung Zukunft.

In Europa diskutiert man darüber, ob das Elektroauto eine Zukunfts-oder nur eine Übergangslösung sein wird. In China gilt die Frage durch die Partei final als beantwortet, elektrische Mobilität wird eine Schlüsselrolle für ein grüneres, smarteres China spielen.

Saab Werk in der Wintersonne
Saab Werk in der Wintersonne

Der Elektroauto Boom

In diesem Jahr wird erwartet, dass 600.000 EV`s in China neu zugelassen werden. Das Segment boomt, eine Vielzahl neuer Modelle und Marken drängen mit Macht auf den Markt. Denn das laufende Jahr soll nur der Auftakt zu einer viel größeren Sache sein; der steile Aufstieg könnte sich in den Folgejahren fortsetzen. Eine neue Goldgräberzeit zieht herauf, jeder Marktteilnehmer möchte sich ein Stück vom Kuchen sichern.

Um ein Gefühl für den Boom zu entwickeln, hier eine Momentaufnahme aus den vergangenen 7 Tagen:

Shanxi Tongja Auto kündigt die Marke Kissun an. Kissun Auto, spezialisiert auf “New Energy Vehicles”, vertreibt zukünftig elektrische Kleintransporter. Marktführer BYD träumt vom US Markt und liefert den ersten rein elektrischen Doppeldecker Bus für London aus.

Zotye E200EV
Zotye E200EV

Zotye beglückt die Kunden ab April mit dem kompakten und als gelungen geltenden E200 EV. Hawtai, 2011 für einige Tage als Saab Retter gehandelt, bringt im März die iEV230 Limousine, im kommenden  Monat das xEV 260 SUV. Zhiche Auto, 2014 als EV Hersteller gegründet, zeigt die Studie eines rein elektrisches SUV mit dem Namen “Hello”. BAIC kündigt einen, mit spanischen Partnern entwickelten, elektrischen Supersportwagen für die Bejing Auto Show im April an.

Ein Mangel an neuen Elektroautos besteht in China offensichtlich nicht. Angefangen beim günstigen Low Speed Electric Vehicle, über Transportlösungen, Limousinen der Mittelklasse mit rund 300 Kilometern Reichweite, bis hin zu den unvermeidlichen elektrischen SUVs ist alles vorhanden. Neuentwicklungen und neue Firmen sprießen aus dem Boden wie die Blumen im Frühjahr. Wer in China braucht ein EV aus Schweden?

China braucht NEVS nicht. Aber will NEVS.

Die letzte Neuigkeit in der Liste der Erstaunlichkeiten ist die Zusammenarbeit von NEVS mit der State Grid Corporation of China (SGCC). Es geht um den Kauf von Elektroautos, NEVS ist bevorzugter Lieferant, und kooperiert bei der Entwicklung von Ladetechnik und Infrastruktur. Die SGCC ist mit 1.87 Millionen Mitarbeitern das weltweit größte Unternehmen in öffentlicher Hand und spielt in China die Schlüsselrolle für zukünftige elektrische Mobilität. Das Größenverhältnis NEVS – SGCC ist das von Mücke zum Elefant. Man darf sich die Frage stellen, warum ein Unternehmen, das die Spielregeln festlegt, mit einer kleinen Mücke kooperiert.

Die Antwort liefert der Blick auf die Situation der schwedische Fahrzeugindustrie. In Södertälje bestimmt VW, Volvo ist chinesisch, das ehemalige Saab Werk in Trollhättan auch. Die schwedische Westküste ist zum Einfallstor der Chinesen geworden, auch wenn sich diese laut über mangelnde Kooperation, Begeisterung und Würdigung ihres Engagements beschweren. Nur die Volvo Nutzfahrzeug-Gruppe ist noch schwedisch und kämpft mit immer neuen Sparprogrammen und Entlassungen um ihre Zukunft. Und sehen wir von Koenigsegg ab, dann wird die Zukunft der wichtigsten Industrie des Landes im Ausland bestimmt.

Dass es so weit kam,  ist eine Folge der Politik der letzten Jahre. In Schweden macht die Lage nicht jeden glücklich. Es gibt Mahner, auch wenn das Land mit Investitionen aus China bisher gut gefahren ist. Denn die chinesische Strategie hat sich mit den Jahren grundlegend geändert. Früher kaufte man angeschlagene europäische Firmen, demontierte die Werke, nahm das Wissen und verpflanzte die Produktion nach Asien. Das, so hat man gelernt, war zu kurzfristig gedacht. Heute kommt man,  um zu bleiben. Die Volvo Story zeigt,  wie es geht. Wissen wird nicht mehr transferiert, es wird geteilt. Chinesische Ingenieure kooperieren mit Kompetenzen vor Ort. China entwickelt sich von der Werkbank der Welt zur weltweiten China AG.

Für dem Arbeitsmarkt an der schwedischen Westküste ist die Entwicklung als chinesischer Brückenkopf in Europa erfreulich. Qualifizierte Mitarbeiter sind gefragt, die Kooperation mit SGCC wird die Lage weiter anheizen und zusätzliche Arbeitsplätze bei NEVS schaffen.

Die Zukunft von Trollhättan wird in Peking geschrieben, alles ist möglich. Seit Ende der Rekonstruktion im April 2015 geht es Schritt für Schritt in Richtung Zukunft. Die Liste der eingegangenen Kooperationen ist beeindruckend, die finanziellen Möglichkeiten stabil. Vielleicht legt NEVS ab 2017 einen steilen Aufstieg hin. Die vorliegende Bestellungen und die neuen Modelle ab 2018 lassen das möglich erscheinen..wenn die Finanzierung weiterhin funktioniert und sich die Partnerschaften als solide erweisen.

Interessiert uns die Entwicklung bei NEVS eigentlich? Das Thema erinnert an das Lernen von Vokabeln für den Schulunterricht. Staubtrocken, emotionslos, aber es muss sein. Es ist die Grundlage für mehr. Also kämpfe um jeden Satz, wäge die Worte ab. Bequemer wäre es, das Thema zu ignorieren. Aber der Saab Schriftzug prangt immer noch am Werk. Allein das ist Verpflichtung genug.

12 Gedanken zu „Schritt für Schritt. In Richtung Zukunft.

  • 21. März 2016 um 11:08 AM
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    Danke für diesen umfassenden Ausblick! 🙂
    Gut für die Region im westl. Schweden…, gut das einige chin. Leistungsträger “gelernt” haben.
    Was bleibt sind die “wenn´s” :
    Zitat: Die vorliegende Bestellungen und die neuen Modelle ab 2018 lassen das möglich erscheinen..wenn die Finanzierung weiterhin funktioniert und (wenn) sich die Partnerschaften als solide erweisen.
    Ob die Gunst so weiter besteht, wer weiss es….
    Warten wir´s ab, und nutzen unsere SAAB´s! 🙂

  • 21. März 2016 um 11:13 AM
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    Sehr beachtlich wie NEVS den Weg geht, irgendwie funktioniert es mit der Finanzierung und die Verträge/Kooperationen/Absichtserkärung füllen sicher ganze Ordner. Nur hat man seit 2012, also in 4 Jahren, kein Produkt auf die Räder gestellt. 2018 wird es dann 6 Jahre sein – vielleicht. In meinen Augen ein absoluter Negativrekord. (Aber ein sehr guter Artikel am Montag von Tom 😉 )

  • 21. März 2016 um 11:42 AM
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    Hallo Tom,

    eine bessere Momentaufnahme geht nicht. Die Spätentwickler der SAAB AB sollten hinsichtlich der Namensrechte nicht zu spät entscheiden – eine verzögerte oder gar negative Entscheidung (völlige Versagung der Namensrechte) würde für für die enormen Kraftakte von NEVS nur hinderlich sein.

    Die von NEVS eingeschlagene Richtung hätte bei Freigabe des Namens SAAB auf die SAAB AB selbst auch eher positvie Auswirkungen. SAAB hätte als sog. Marke (Automobile + Flugzeuge / Rüstung) weltweit wieder einen größeren Bekanntheitsgrad mit sämtlichen damit verbundenen Vorteilen – eben auch für die SAAB AB selbst.

  • 21. März 2016 um 2:45 PM
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    Der Faktor Zeit wird in Europa gegen NEVS spielen. 2018 neue Autos, woran ich nicht glauben mag, wären dann Marktstart in Deutschland 2020 oder so. Rund 10 jahre, nach dem die letzten Neuwagen beim Händler standen? Kann man komplett vergessen. Bis dahin ist die Marke Geschichte und NEVS scheitert an der Kunst Jahre lang nichts auf die Reihe gebracht zu haben.

  • 21. März 2016 um 3:02 PM
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    Das Elektroauto als eine Übergangslösung? Das hab ich noch nicht gehört. Wohin denn? Zur Immobilität? Nach intensiver Beschäftigung mit der Thematik sehe ich keine Alternative. Ach, auch ein Brennstoffzellenauto ist ein Elektroauto, nur ohne großen Akku, dafür mit geringerem Wirkungsgrad. Ob ein Konzept gewinnt, und welches, wird sich aus einer Mischung von Akku-Entwicklungen inkl. Preis, Stromkosten und Praktikabilität ergeben.

    Selbstredend sollte uns die Zukunft von NEVS interessieren, zumindest diejenigen, die glauben, Autos werden von Menschen entwickelt und gebaut, und nicht von Namenszügen auf Fabrikhallen.

    Trotz großer Probleme -allerdings ausschließlich mit den Akkus- ist das Elektroauto für mich die langfristige Zukunft, und wir Saab-Fahrer können uns fragen, ob wir dieses am Ende lieber von Tesla, BMW, Toyota oder den lieben Leutchen aus Trollhättan kaufen wollen.

    • 21. März 2016 um 3:18 PM
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      In Europa könnten Plug-in-Hybride die größere Rolle spielen, und es wird die Akzeptanz der Käufer sein, die entscheidet. Ein Brennstoffzellen Auto wird nicht unbedingt als Elektroauto wahrgenommen, unter einem EV verstehen viele Leser ein Fahrzeug mit Batterien, und darauf beziehen sich Artikel, Aussage, und Lage in China.

      • 22. März 2016 um 1:08 PM
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        Danke für die Ergänzungen. Jedoch: Ein Hybrid fährt mit fossilen Brennstoffen. _Das_ ist eine Übergangslösung. Was geschieht, wenn nach Abschluss der Energiewende kein Öl mehr verwendet wird?

        Nach viel Hin- und Herrechnen ist mir klar geworden, dass Agrokraftstoffe nicht ausreichend erzeugt werden können. Nicht einmal ansatzweise, nicht mal unter Ruin des gesamten Planeten und aller Sparmaßnahmen.

        Auch aus der Luft gewonnenes Methanol wird nicht kommen.

        Um sich das klarzumachen, reichen ein Taschenrechner und ein paar Eckdaten aus der Wikipedia etc.

        Die Zukunft wird elektrisch sein oder immobil.

      • 22. März 2016 um 1:16 PM
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        Ergänzung: Tatsächlich glaube ich, dass ganz allgemein Energienutzung, also Umwandlung in zB Strom oder Wasserstoff und Lagerung/Transport das größte Thema der nächsten Jahrzehnte wird. Und hier gibt es insbesondere zwei Forschungsfelder, die bearbeitet werden müssten, nämlich:
        -Fusionsenergie als Alternative zu Wind und Sonne; da zuverlässiger erzeugbar.
        -Akkutechnologie zum Speichern. Höhere Energiedichte zu niedrigeren Kosten.

        Und mit Forschung meine ich nicht ein paar Milliönchen hier oder da. Sonst wird irgendeine kommende US-Regierung das mal wieder für die Europäer übernehmen und wir verlieren die nächste Schlüsseltechnologie, nach Prozessoren, Betriebssystemen, RAM und Mobiltelefonen. Ich rede von so etwas wie dem Apollo-Programm für Energie. Dieses würde nach Preisen von 2009 120 Milliarden USD kosten. So etwas in der Größenordnung.

  • 21. März 2016 um 4:06 PM
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    Da kenne ich andere Wege. Toyota hat ein Brennstoffzellenauto herausgebracht, welches eine grössere Reichweite, als EVs hat. Die waren schneller als Mercedes. So wie wir Toyota kennen, werden die in die Märkte damit vorstossen, die von den Chinesen und damit Nevs, nicht vorrangig beliefert wurden/werden. Wenn das so mit Erfolg einschlägt (besonders in den USA) wie der Prius als Hybrid, wird es eng für EVs der Chinesen ausserhalb des chinesischen Marktes.

  • 22. März 2016 um 8:10 AM
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    Nicht nur die Akzeptanz der Käufer wird entscheiden. Ein Auto muss praktikabel ins Leben und in die persönlichen Anforderungen passen. Da kommt es natürlich auf das künftige Angebot an. Ein reines EV könnte ich mir zur Zeit nur als Zweitwagen für die Stadt und das nähere Umland vorstellen. Und man sollte wenigstens genügend Platz haben um sich beim Getränkemarkt ein paar Kisten besorgen zu können. Da sind wir zur Zeit schnell im Bereich um die 30.000 €, was mir für einen Zweitwagen schlichtweg zu teuer ist. Plug in Hybride schaffen zur Zeit ca. 50 Kilometer Reichweite, was für eine Tour durch die Stadt sicher ausreichend ist. Allerdings ist hier die Auswahl auch noch sehr begrenzt. Ich denke wenn Herr Jiang nicht wieder bei Chinas Parteifunktionären in Ungnade fällt, wird NEVS in China eine gute Zukunft haben. Dazu brauchen die aber den Namen Saab nicht. Für Europa müsste sich am Preis und der Reichweite noch sehr viel tun um hier aus dem Nischengeschäft heraus zu kommen. Da sehe ich in absehbarer Zeit keinen großen Boom von EV`s . Wenn von NEVS nichts anderes kommt als nur reine EV, dann sind sie in China auf der richtigen Spur. Bis dann in Europa und dem Rest der Welt die Zeit dafür reif ist wird auch der Name Saab nicht unbedingt für NEVS notwendig sein. Wie thylmuc schreibt werden Autos nicht wegen Namenszügen oder Fabrikhallen gekauft, sondern wegen ihrem Nutzen und ihrer Ausführung und Qualität und letztendlich auch wegen ihres Preis-Leistungsverhältnisses. Ich finde es ist einfach zu spät um den Leuten ein EV als einen Saab zu verkaufen. Man hätte schneller mit Übergangsprodukten die Markenpräsenz aufrecht erhalten sollen. Was denken Leute heute wenn sie den Namen Saab hören? Wenn es eine Umfrage über dieses Thema gäbe, bin ich mir ziemlich sicher, dass die meisten Antworten nicht Elektroauto heißen würden, sondern eher Begriffe wie Turbo, der 900er oder Reisewagen fallen würden. Neue Firma, neues Produkt, neuer Name, warum nicht?

  • 24. März 2016 um 9:15 AM
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    Gutes Uebersichtsartikel. Zwei kleine Wahrnehmungen biem Bilder; 1) SAAB steht noch immer klar und sichtbar auf das THT Werk. 2) Warum sehen kleine Elektrowagen so haesslich aus?

    • 24. März 2016 um 11:39 PM
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      Ich kann es auch nicht verstehen warum die meisten Elektroautos (egal welcher Größe) so fürchterlich aussehen müssen. Bei Toyota Prius und Mirai, Opel Ampera, Nissan Leaf, BMW i3 etc. handelt es sich nicht um Kleinwagen. Innovative Technik, aber das Design ist auch dort die reinste Katastrophe. Mag Geschmackssache sein…
      Das es anders geht zeigt Tesla mit dem Model S.
      Ich glaube die Hersteller sind der Meinung, EV müssen sich irgendwie von normalen Autos abheben. Ist ja okay – aber dann bitte mit Stil!

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