Die Geburt eines Konzerns

Als vergangene Woche diese Meldung durch das Netz ging, werden die meisten Leser mit den Schultern gezuckt haben…maximal. Mich erreichte die Mail in einem Café, wo ich mit einem Freund über die Welt, Autos und Saab im Besonderen plauderte. Eine dieser wichtigen, angenehmen Unterhaltungen, wo das Hobby und die Leidenschaft für die kleine schwedische Marke mit einem Mal zum bedeutendsten Ding der Welt wird.

NEVS, Hauptportal
NEVS, Hauptportal

Was interessiert in diesem Moment die NEVS AB, New Long Ma und Fujian Motors? Auf der anderen Seite gibt es auch Dinge, die den zweiten Blick wert sind und über die man einfach schreiben muss. Vor allem dann, wenn in China und dem Västragötland ein neuer Konzern geboren wird.

Wer ist New Long Ma?

New Long Ma gehört zu Fujian Motors, mehrheitlichem Eigentum der Provinzregierung von Fujian. In China gibt es weit mehr als 100 Automarken, die überwältigende Mehrheit hat lediglich regionale Bedeutung. Sie wurden in den 80er und 90er Jahren von Regionalfürsten gegründet, gelten auf Grund geringer Stückzahlen als unrentabel, sind der Zentralregierung ein Ärgernis. Diese sähe gerne das Angebot beschränkt auf zwei oder drei starke nationale Anbieter. Deshalb versucht Peking seit Jahren mit wenig Erfolg, den Wildwuchs in den Provinzen zu beenden.

Fujian Motors ist ein Exemplar des provinziellen Wildwuches. Gegründet im Jahr 1992, Joint Ventures mit Mercedes (Fujian Benz Automotive), Yulon Motors (Taiwan) und Mitsubishi (South East Fujian Motor). Neben den Kooperationen gibt es die Eigenmarken Fujian New Forta Automobile Industry, Xiamen King Long Motor Group und New Long Ma. 2013 übernahm NEVS Kooperationspartner Dongfeng 40% von Fujian Motors. China Experten sahen das als Beginn einer Marktbereinigung.

In der Zukunftsstrategie der Zentralregierung spielen nationale Eigenmarken eine wichtige Rolle. Chinesische Kunden sollen “Made in China” kaufen, und sie tun es. Die Eigenmarken wuchsen 2015 schneller als Joint Ventures, sie sind preislich agressiver, punkten vor allem bei Käufern jenseits der Megametropolen.

Autofabriken der Provinzregierungen stehen für das alte China. Wie Kohlebergwerke und Stahlöfen der Mao Zeit gelten sie als überholt. Das neue smarte, grüne China setzt auf den Umbau der Wirtschaft, auf intelligente Lösungen,  die im Land erdacht werden. Der angekündigte Einstieg der NEVS AB mit 50%, der Kauf von weiteren 15 % durch NEVS-Aktionär SRIT ist nichts anderes als eine Übernahme von New Long Ma. Wahrscheinlich in Folge des diskret vorgetragenen Wunsches der Zentralbehörden, die einen Konzern für “New Energy Cars” formen möchten.

NEVS verfügt damit ab 2017 über zwei Werke in China, 300.000 Fahrzeuge Produktionskapazität, zwei Modellreihen. Von den New Long Ma EV-Minivans und EV-Kleintransportern wurden 2015, im ersten Produktionsjahr, 12.000 Einheiten verkauft. Sie liegen auf Rang 3 der Zulassungsstatistik in ihrem Segment. Das alles ist eine bemerkenswerte Entwicklung für ein Unternehmen, auf dessen Zukunft kein Londoner Buchmacher vor 12 Monaten einen einzigen Penny gewettet hätte.

Zusammen mit dem Werk in Trollhättan kommt die NEVS AB damit auf fast eine halbe Million Einheiten, die pro Jahr weltweit produziert werden könnten. Damit stößt man, rein theoretisch, in die Regionen des großen, alten Rivalen Volvo vor.

Das alles freilich ist blanke Theorie. Die Übernahme muss erst vollzogen sein, die neuen Modelle 2018 an den Start gehen. Ein langer Weg !  Und eine halbe Million Fahrzeuge, das ist eine Ansage. Dennoch, es zeigt, mit wieviel Dynamik Dinge sich entwickeln können. Und dass NEVS eine Schlüsselrolle als Anbieter von Elektromobilität spielen könnte. Und vor allem: Es geht für NEVS nachhaltig in die richtige Richtung.

Die Auswirkungen auf Trollhättan

Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel
Der Blick zurueck, und diesmal in die Zukunft. Bloggers Rueckspiegel

Wer sich vor einigen Wochen fragte, woher die bereits bestellten 100.000 elektrischen Kleinlieferwagen und Minivans wohl kommen werden, der wird hoffentlich nicht Trollhättan als Antwort erwogen haben. Wenn doch, dann ist er ein hoffnungsloser Romantiker. Trollhättan soll eine Rollle für Europa und Nordamerika spielen, nicht für Asien. New Long Ma, die beiden Werke in China, gehen uns damit auf den ersten Blick nichts an.

Auf den zweiten Blick sind sie wichtig, vielleicht sogar entscheidend. Wenn NEVS mit seinen Marken in Zukunft ein erfolgreicher Anbieter für Elektromobilität in China sein wird, dann ist das gut für Trollhättan. Oder, ganz einfach formuliert: Ist NEVS stark in Asien, dann ist das gut für die schwedischen Ambitionen.

Der nächste Schritt wäre der erfolgreich vollzogene Einstieg bei New Long Ma. Dann hätte NEVS eine erste Produktlinie, ab 2017 dann ein zweite. 2018 dann die neuen Modelle. SUV, Fließheck, Limousine, MPV. Vielleicht unter dem Markennamen Saab. Das alleine wirft weitere Fragen auf. Stichworte: Distribution, Aftersales…

9 Gedanken zu „Die Geburt eines Konzerns

  • 23. Februar 2016 um 11:11 AM
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    Sehr informativ geschrieben. Vielleicht wendet sich ja doch alles noch einmal zum Guten. Auch wenn wir alle an unseren Turbos hängen, langfristig und vorausschauend scheint die Strategie von NEVS doch durchdacht zu sein.
    Wie weit ist eigentlich der Bau des Werkes in China vorangeschritten?
    Gibt es Bilder?

  • 23. Februar 2016 um 11:32 AM
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    Hört sich so an, als ob da viel Substanz entsteht und KJJ viel Geld in die Hand nimmt. Gute Nachrichten auf jeden Fall, und etwas Hoffnung!

  • 23. Februar 2016 um 1:02 PM
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    Danke für die Info! Wie ich schon Michel geschrieben hatte… für mich ist die einzige Möglichkeit für Saab in Europa/Amerika zu existieren, eben einen soliden Hintergrund zu haben der die großen Verkaufszahlen bringt und eben nicht wie GM Saab als Probles sieht, sondern als eine art Flagman der Firma NEVS.

    • 23. Februar 2016 um 2:42 PM
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      Sehe ich ebenso. Saab kann, wenn überhaupt, nur als skandinavische Premiummarke zurück kommen.

  • 23. Februar 2016 um 4:44 PM
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    Danke Tom, sehr interessant. Wir sehen hoffnugsvoll den Morgen entgegen.

  • 23. Februar 2016 um 5:31 PM
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    Tragisch nur, dass man zuvor alles getan hat um den eigenen Ruf zu ruinieren. Ich drücke trotzdem die Daumen!

  • 23. Februar 2016 um 8:29 PM
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    Nur wenn Saab wieder Fahrzeuge für Menschen baut die sich von der Masse abheben wollen hat die Marke eine Chance. Standard Autos bekommt man überall

    • 23. Februar 2016 um 9:17 PM
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      Das sehe ich auch so. SAAB als europäischer TESLA – Gegner. Aber warum denn nicht…

    • 25. Februar 2016 um 7:23 AM
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      mhmh, irgendwie sehe ich das quasi genau andersherum. “Sich von der Masse abheben wollen” scheint genau die Idee von GM gewesen zu sein, die nicht funktioniert hat. Ich sehe Saab-Fahrer eher als Leute an, denen die Masse so egal ist, dass sie sich nicht mal von ihr abheben müssen. Sie treffen einfach ihre eigenen Entscheidungen.

      Aber dafür brauchen sie Argumente (größter Innenraum, sparsame Motoren, tolles Ambiente, you name it) und leider ist “Born from jets” kein Argument, zumal ja auch falsch.

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